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Buchmesse-Gastland Slowenien? : Hier ist der Bienenfleiß zu Hause

Blick über den Fluss Ljubliancia auf die Franziskanerkirche in der slowenischen Hauptstadt Bild: dpa

Slowenien will im Jahr 2020 Gastland der Frankfurter Buchmesse werden und hat Argumente dafür: schöne Landschaft, guten Wein, wilde Denker und die vermutlich höchste Lyrikerdichte der Europäischen Union. Eine Rundreise.

          Die Sache mit der Lyrik ist, um mit Goethe zu sprechen, ein einförmig Ding. Wenige Menschen lesen Gedichte, doch viel mehr scheinen sie zu schreiben. Und selbst wer sie nicht liest, bewahrt sich manchmal noch eine Restachtung vor etwas Großem, Unbegriffenen, das im Hintergrund der banaleren Lebensübungen – Zahnarzt, Rentenversicherung, Steuererklärung - geduldig wartet.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          In Slowenien drückt sich diese Achtung so unmittelbar aus wie sonst wohl nur noch in Island. 150 Romane in der Landessprache, so die slowenische Buchagentur, werden jährlich veröffentlicht, aber noch mehr Gedichtbände. Bücher in gebundener Sprache können in dem Zweimillionen-Land zu Bestsellern werden, Lyriker zu Stars, deren Meinung in der Öffentlichkeit zählt. Das liegt auch daran, dass das kleine Slowenien im Lauf seiner langen Geschichte immer wieder besetzt und aufgeteilt wurde, im Mittelalter von den Franken, vom Herzogtum Baiern, dem Herzogtum Kärnten und den Habsburgern, bis es im zwanzigsten Jahrhundert zu den immer noch spürbaren Grenzverschiebungen und Zugehörigkeitswechseln kam: Aus dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen wurde 1929 das Königreich Jugoslawien, das später zwischen Österreich, Italien und Ungarn aufgeteilt und von Tito und seinen Partisanen wieder zu einem heterogenen Block namens Jugoslawien zusammengeschweißt wurde.

          Die frühe Anerkennung eines unabhängigen Sloweniens durch die deutsche Regierung unter Helmut Kohl 1991 wird von manchen als Wiedergeburt bezeichnet; für andere war sie der Startschuss für den Vernichtungsfuror des Balkankriegs. Die Vertreibungen und Morde der letzten 75 Jahre, auch an der deutschsprachigen Minderheit, füllen Bücher. Identität, so viel war seit langem klar, konnten die Slowenen also nicht mehr territorial verstehen, sondern nur noch kulturell. Der oberste Identitätsstifter wurde die slowenische Sprache.

          Vervierfachte Fußgängerzonen

          Behutsam öffnet der Direktor der Nationalbibliothek in Ljubljana einen fettleibigen Lederband, schiebt Buchstützen unter die Deckel und beginnt zu blättern. Vor uns liegt die erste Bibelübersetzung ins Slowenische aus dem Jahr 1584, die noch früher erschien als die erste russische Fassung. Das Buch gehörte einer Frau namens Dorotea Bororič, kleine Kleber markieren die wichtigsten Stellen, die sie immer wieder gelesen hat. Wie wichtig die neue Sprache war, zeigt der Anhang mit einem Wörterbuch über spezifischen Sprachgebrauch in Kärnten, Krain, Kroatien und Nordwestslowenien. Im selben Jahr wie die Bibel erschien die erste slowenische Grammatik.

          Verschiedenheit, Abweichung und haarfeine Differenzierungen werden zum Leitmotiv unseres Besuchs im Buch- und Literaturland Slowenien. Dies ist Mittel- und Südosteuropa, Zone sich auflösender und dann wieder stur gezogener Grenzen, eine Gegend endloser Debatten um Eigenes und Fremdes, ein Gärtopf regionaler Stereotypen und nationaler Klischees. Mit anderen Worten, ein Abbild unserer heterogenen EU, von der man heute befürchten muss, dass die immer wieder ruhiggestellten, aber eben nie ausgeräumten Konflikte sie zerreißen. Offen ist nur, wo der tiefste Riss beginnt. In Großbritannien? Im konservativ gewordenen Osten? Im wirtschaftlich erschöpften Süden? Ganz sicher jedenfalls nicht in Slowenien, wo allenfalls ein gebändigtes Zittern der alten territorialen Konflikte zu spüren ist. Der kultisch verehrte Dichter Srečko Kosovel (1904 bis 1926), ein Satiriker und Dadaist, ein Georg Büchner der slowenischen Avantgarde, drückte es in vier beiläufigen Zeilen aus: „Hej, grüner Papagei, / sag, wie ist es in Europa. / Der grüne Papagei entgegnet: / Der Mensch ist nicht symmetrisch.“

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