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Literarisches Fernweh : Schweizer Männer auf der Flucht

Über diese Berge musst du gehen: Die Berner Alpen in ihrer ganzen Schönheit. Und Unüberwindbarkeit. Bild: Picture-Alliance

Auffällig viele helvetische Romanfiguren treibt es derzeit ins Nirgendwo. Was ist da los in der Alpenrepublik?

          Nicht nur Toblerone, Taschenmesser und Rotes Kreuz sind bekanntlich Schweizer Erfindungen, sondern ebenso ein Gefühl, eine schwer zu fassende Sehnsucht, die der Basler Gelehrte Johannes Hofer erstmals 1688 beschrieb: Heimweh. Er selbst sprach von der „maladie suisse“, und tatsächlich glaubte der Arzt, dass jenes merkwürdige Ziehen in der Magengegend, verbunden mit unerklärlicher Unruhe und Traurigkeit, das proportional zur Entfernung von der Heimat wachse, eine spezifisch „Schweizer Krankheit“ sei. Die Schweizer mussten oder wollten ihr Land schon damals, lange vor der Globalisierung, verlassen, um anderswo ihr Glück zu suchen. Nicht nur Hofer glaubte, dass das Leiden ohne Rückfahrschein tödlich verlaufen könne. In Frankreich war es zeitweilig sogar verboten, den Kuhreigen zu singen, weil man um das Seelenheil der Schweizer Söldner fürchtete.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es kann deshalb auch kein Zufall sein, dass ausgerechnet eine Züricherin, Johanna Spyri, mit „Heidi“, der Geschichte eines Schweizer Bergmädchens, das es ins fremde Frankfurt verschlägt, den global player unter den Heimweh-Erzählungen verfasste. Der Germanist Peter von Matt hat darauf verwiesen, dass ikonische Werke der Schweizer Literatur, von Kellers „Grünem Heinrich“ über Frischs „Stiller“ bis zu Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ von Rückkehrern handeln. Neuere Werke der Schweizer Literatur lassen allerdings das Gegenteil erkennen: In drei erfolgreichen Romanen aus Schweizer Feder wird nämlich nicht das Heimweh, sondern das nicht minder diffuse Fernweh zum alles bestimmenden Gefühl.

          Ohne Navi in die Welt

          Peter Stamm, Jonas Lüscher und Lukas Bärfuss, drei der namhaftesten Schweizer Autoren aus der mittleren Generation, schicken in ihren aktuellen Romanen männliche Protagonisten auf Reisen ins Ungewisse. Gründe für die Schweizer Hinwendung zum Aufbruch mag es viele geben. Dass man sich dort womöglich mehr als anderswo nach einem Ort sehnt, an dem nicht ständig hohe Berge die Sicht verstellen, aber kann es nicht sein. Und es lässt sich in der Schweiz auch nicht alles über einen Alpenkamm scheren. Was aber die drei literarischen Figuren verbindet, ist nicht nur ihr Fluchtimpuls, sondern auch ihre Lebenssituation. Es sind durchweg Männer, die in der Mitte ihres Lebens angekommen sind. Sie haben eine gehörige Wegstrecke zurückgelegt, Familien gegründet, Berufe erlernt, wurden Sachbearbeiter, Immobilienentwickler oder Lehrstuhlinhaber. Und jetzt fragen sie sich: Kann es das gewesen sein? Dass sie etwas verlassen wollen, liegt ihnen klar vor Augen. Diffus dagegen ist die Perspektive des Wohin. Denn sie haben kein Ziel, das sie ansteuern, und auch kein inneres Navi, das sie leiten würde. Stattdessen lassen sie sich ins Offene treiben.

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          In Peter Stamms Roman „Weit über das Land“, erschienen im vorigen Jahr, ist es Thomas, der urplötzlich aufsteht und geht. Die Familie ist gerade erst aus dem Urlaub zurückgekehrt, da lässt er sein halbvolles Weinglas auf dem Tisch stehen, an dem er eben noch saß, und läuft hinaus in die anbrechende Nacht. Nur mit Zigaretten und einer kleinen Taschenlampe im Gepäck verschwindet er, und die Gründe, warum Thomas verschüttgehen will, bleiben schleierhaft.

          Lukas Bärfuss hat schon in früheren Romanen auf je eigene Weise die Grenzen zwischen dem Wirklichen und dem möglichen anderen ausgelotet und von Figuren erzählt, die ihre Existenz auf einmal als Gefangenschaft begriffen. In „Hagard“ nun, seinem Roman, der gerade für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, erzählt Bärfuss von einem Mann im Ausnahmezustand, der es regelrecht darauf anlegt, verlorenzugehen. Nicht im Gebirge wie bei Peter Stamm, sondern in der Großstadt, mitten in Zürich. Als Philip im Feierabendgedränge ein Paar „taubenblaue Ballerinas“ in den Blick geraten, folgt er aus einer Laune heraus der fremden Frau. Im Laufe der nächsten 36 Stunden verliert er nicht nur sein Auto, seine Kleidung und seine Nerven, sondern seine gesamte bürgerliche Existenz.

          In Jonas Lüschers Roman „Kraft“ schließlich ist es ein Tübinger Rhetorikprofessor, der sonst für jede Situation im Leben eine passende Theorie parat hat und auch jetzt einen kühnen Plan verfolgt, der ihm an der amerikanischen Westküste eine Million Euro und die Lösung all seiner Probleme bescheren soll. Doch darüber geht auch er bald der Welt und sich selbst verloren.

          Im Jenseits der Kommunikation

          Was treibt die Männer an? Was verbindet diese modernen Aussteiger? Auffällig ist, dass alle von der Lust am Kontrollverlust in einer auf Erfolg getrimmten Lebenswelt getrieben sind. Ihr Selbstversuch ins Ungewisse scheint vor allem darauf abzuzielen, einer Gegenwart zu entkommen, die sie als zudringlich empfinden. Beginnt das Paradies womöglich erst, wenn das Handy seinen Geist aufgibt und unter dieser Nummer kein Anschluss mehr erfolgt? Während der eine sein Mobiltelefon erst gar nicht mitnimmt, ringen die anderen beiden fast schon slapstickartig mit dem Gerät, ihrem letzten Anschluss zur Welt. Sich im Jenseits der Kommunikation zu verlieren ist allerdings in einer Zeit, in der täglich zwei Milliarden Bilder im Netz hochgeladen werden, kein Schweizer Sonderfall. Einer der weltweit erfolgreichsten Romane dieser Tage, Elena Ferrantes neapolitanische Saga, handelt von nichts anderem als dem Wunsch, unsichtbar zu werden.

          Quelle: F.A.Z.

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