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Schlegel-Ausstellung : Gerechtigkeit für einen Kosmopoliten

Die romantische Bewegung im Gipfelsturm, wie sie Johann Gottfried Schadow 1803 festhielt: August Wilhelm Schlegel führt sie an, gefolgt unter anderen von Ludwig Tieck (auf dem gestiefelten Kater reitend), Novalis (auf Stelzen) und Friedrich Schlegel (kopfstehend). Ganz rechts wendet sich Goethe ab, neben sich Amalie von Imhoff. Bild: Freies Deutsches Hochstift

August Wilhelm Schlegel stand lange im Schatten seines genialen Bruders Friedrich. In Frankfurt erinnert nun eine Ausstellung an ihn – und probt für das Romantik-Museum.

          Der junge Mann hinterließ seinen Namen an achter Stelle auf der Inskriptionsliste zur Vorlesung „Lied der Nibelungen“, zu halten im Sommersemester 1820 durch August Wilhelm Schlegel. Das hätte allein schon für einen Platz in der Literaturgeschichte gereicht, als Zaungast vielleicht, aber immerhin: Die Vorstellung, einem Forscher zuzuhören, der sich in der Philologie, der vergleichenden zumal, einen Namen wie keiner seiner Zeitgenossen gemacht hatte, der mit seinem Bruder Friedrich und einer Reihe von Gleichgesinnten 25 Jahre zuvor die romantische Bewegung angezettelt und mit dem „Athenäum“ die Publizistik revolutioniert hatte und nun, an der Bonner Universität angekommen, dabei war, die deutsche Indologie zu begründen! Und dann auch noch über das Nibelungenlied, damals der Gegenstand eifrigster Lektüre, Nachdichtung und Illustration!

          Während aber seine Kommilitonen von Schlegels Kenntnissen profitierten und der junge Karl Simrock hier sogar seine lebenslange Berufung als Nibelungen-Nachdichter empfing, zeigte sich jener achte Inskribent höchst undankbar und schädigte in seiner „Romantischen Schule“ den Ruf seines akademischen Lehrers ebenso witzig wie grausam so nachhaltig, dass es fast zweihundert Jahre brauchte, um die Dinge wieder zurechtzurücken: Schlegel, so überlieferte es Heinrich Heine, war von großer Eitelkeit und Frechheit, als Polemiker an leichten Zielen orientiert, als Forscher ein Dilettant und als eigenständiger Künstler geradezu impotent – überhaupt habe er sehr von den Ideen seines genialen Bruders Friedrich profitiert.

          Kritische Dictatoren Deutschlands

          Viele sind Heine gefolgt, auch wenn in jüngster Zeit einige Forschungsprojekte an Schlegels Nachlass die Dinge zurechtrücken und vor allem Roger Paulins große Schlegel-Biographie ein völlig anderes Bild zeichnet (sie erscheint demnächst auch auf Deutsch bei Schöningh). So gesehen verdankt sich auch die Ausstellung, die am Dienstag aus Anlass von Schlegels 250. Geburtstag im Arkadensaal des Freien Deutschen Hochstifts eröffnet wird, dem Willen zur postumen Ehrenrettung.

          August Wilhelm Schlegel
          August Wilhelm Schlegel : Bild: © Ursula Edelmann/ARTOTHEK

          Sie erzählt die Geschichte eines Mannes von stupender Bildung, beeindruckendem Fleiß und Selbstvertrauen, der schon als Achtzehnjähriger eine Geschichte der deutschen Literatur öffentlich vorträgt, verfasst in Hexametern und begleitet vom Beifall der Zuhörer. Von einem Göttinger Studenten, der sich dem Sprachenlernen verschrieb und nach zweijährigem Studium eine Dissertation über die realen Orte vorlegte, die, wie er vermutete, verwandelt in Homers Epen eingegangen seien. Der Hauslehrer in Holland und, von Schiller gerufen, Gelehrter und Publizist in Jena wurde, wo er zusammen mit seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Friedrich eine Romantiker-Wohngemeinschaft gründete sowie das „Athenäum“: dezidiert, wie es Friedrich Schlegel formulierte, damit „wir uns eine große Autorität in der Kritik machen, hinreichend, um nach 5–10 Jahren kritische Dictatoren Deutschlands zu seyn“ – mit dem Ziel übrigens, die örtliche Konkurrenz „zu Grunde zu richten, und eine kritische Zeitschrift zu geben, die keinen andren Zweck hätte als Kritik“. Mit seinen Übersetzungen von Shakespeare, Calderon, Dante oder Petrarca und seinen publizistischen und wissenschaftlichen Arbeiten längst zur europäischen Berühmtheit geworden, lebte August Wilhelm Schlegel lange an der Seite der Madame de Staël, bevor er sich schließlich in Bonn niederließ und dort 1845 starb.

          Ein gutes Vorzeichen

          Wie stellt man das aus? Zumal wenn dabei, wie es Anne Bohnenkamp-Renken, die Leiterin des Goethe-Hauses, bei der Pressekonferenz sagte, Präsentationsformen auch in Hinblick auf das im Bau befindliche, im Frühjahr 2020 zu eröffnende Romantik-Museum erprobt werden sollen?

          Dieses Kästchen mit Briefen musste Schlegel bei Madame de Staël auf der Flucht vor Napoleon zurücklassen.
          Dieses Kästchen mit Briefen musste Schlegel bei Madame de Staël auf der Flucht vor Napoleon zurücklassen. : Bild: Sächsische Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB)

          Zum Beispiel ganz konventionell und im Vertrauen auf hinreißende Objekte, wie etwa ein in buntes Papier eingeschlagenes Kästchen, das Schlegel in de Staëls Schweizer Schloss Coppet zurücklassen musste, als er von dort vor Napoleon floh – es enthält knapp sechshundert Briefe, einige davon separat verpackt, mit der Aufschrift „nach meinem Tod uneröffnet zu verbrennen“. Das zwischenzeitlich verschollene Kästchen kam 1998 auf eine Versteigerung und von dort an die Sächsische Landesbibliothek in Dresden. Andere Objekte sind etwa gegossene Druckbuchstaben zu Schlegels Sanskritschrift, Kupferstiche aus seiner Sammlung mit indischen Motiven, Handschriften und Bücher. All das erweist sich in der Ausstellung als durchaus wirkungsvoll, und das Romantik-Museum wird natürlich auch darauf setzen.

          Das gilt auch für Versuche wie die Medienstation, die die Ausstellung eröffnet: ein großer Monitor, der das weitgestreckte Korrespondenznetz Schlegels auf einer Europakarte anschaulich macht und die Suche nach bestimmten Adressaten ebenso ermöglicht wie die Darstellung von deren Briefen als Faksimile und in Transkription oder die Suche nach bestimmten, dort verhandelten Themen. Das erinnert an Installationen wie in Kassels „Grimmwelt“, geht aber mehr in die Tiefe, eben weil über die Tatsache der Korrespondenz hinaus auch die Inhalte sichtbar werden.

          Drittens aber liefert die Ausstellungsarchitektur Hinweise darauf, wie man mit dem quecksilbrigen Begriff „Romantik“ verfahren kann. Die Stellwände jedenfalls, an denen Bilder und Dokumente angebracht sind, geben sich fragil und luftig, durchbrochen und fragmentarisch, so dass der sonst immer leicht dumpfe Arkadensaal auf einmal zu atmen scheint. Für den Bau nebenan, dessen Richtfest bald bevorsteht, ist das kein schlechtes Vorzeichen.

          Quelle: F.A.Z.

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