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Veröffentlicht: 23.10.2015, 15:27 Uhr

Privatsphäre und Literatur Ich bin, was ich verberge

Freiheit bedeutet, selbst entscheiden zu können, was öffentlich wird und wie und wann. Von diesem Grundrecht sollten nicht nur Schriftsteller, sondern alle Menschen Gebrauch machen.

von Juli Zeh
© F1online Eine gute Stube des Sprachlichen? Das weiß nur derjenige, der den Schlüssel besitzt.

Mein erstes Tagebuch war aus Kunstleder und blau, und es hatte ein kleines Schloss. Ich war acht Jahre alt, als ich es geschenkt bekam, ich weiß nicht mehr, von wem. Ich begann, jeden Tag etwas hineinzuschreiben, und wenn ich fertig war, schloss ich ab. Über die Jahre und Jahrzehnte bekam das blaue Tagebuch viele Geschwister, anfangs noch bunt, mit lustigen Aufklebern und Pferdebildern verziert, später in immer gedeckteren Farben, immer mehr in Richtung Notizbuch tendierend.

Der Schlüssel zu meinem ersten Tagebuch ging irgendwann verloren; verschlossen stand es mehr als drei Jahrzehnte lang in wechselnden Regalen, zuerst in Bonn, dann in Passau, später in Leipzig und schließlich in der Brandenburgischen Provinz.

Eines Tages nahm ich eine Schere und schnitt den Riemen durch, an dem sich das Schloss befand. Ich fühlte mich schlecht dabei, wie ein Eindringling, obwohl es doch mein eigenes Tagebuch war. Aber das Kind, dem es gehört hatte, schien mich quer über die Jahre hinweg vorwurfsvoll anzusehen. Spitzel! Verräterin! Irgendwie werden wir durch das Vergehen von Zeit nicht älter, wir werden einfach nur immer mehr. Eine wachsende Ansammlung von Kindern, Jugendlichen in verschiedenen Altersstufen, Erwachsenen und irgendwann Greisen, die leicht fremdelnd in einer losen Gruppe beisammenstehen und durchaus Geheimnisse voreinander haben können.

Erste Gehversuche

Aber ich wollte sehen, was sich in diesem blauen Büchlein befand. Das erste Geheimnis meines Lebens lüften. Wie sah er aus, der Gründungsakt meiner Persönlichkeit? Erst einmal bestand er aus einer Menge gepresster Pflanzen, kommentarlos eingeklebt mit Tesafilm-Streifen: Löwenzahn, Gänseblümchen, Stücke von Farnen, vor mehr als dreißig Jahren auf Wiesen gepflückt, an die ich mich nicht mehr erinnere.

Dann die ersten Einträge:

26. 7. 1982 Heute hat es wieder geregnet. Nach dem Frühstück sind wir in einen Laden gegangen und haben uns Hefte gekauft. (Ich Donald Duck und Agnes eine Zeitschrift.) Agnes hat sich noch Süßigkeiten gekauft. Die haben wir beim Fehrnsehgucken aufgegessen. Am Abend habe ich mein Donald Duck Heftchen gelesen, dann bin ich eingeschlafen.

27. 7. 1982 Heute hat es wieder geregnet. Nach dem Frühstück haben wir gelesen. Nach dem Mittagessen bin ich mit Senta auf den Markt gegangen. (Nach Baliengen.) Zuerst hat Senta in Balingen eingekauft. Dann hat sie für Agnes und mich was gekauft. Nach dem Abendessen haben wir noch Radio gehört und Senta hat gesagt: „Ich fahre morgen zu Karola.“

28. 7. 1982 Es regnet heute wieder. Als wir mit Frühstück fertig waren mußten wir Zweige zusammen kehren. Das hat 2 Stunden gedauert. Nach dem Mittagessen haben wir gemalt. Dann um 14.00 Uhr ist Senta zum Bahnhof gefahren. (Mit dem Bus.) Sie wollte bis Sonntag bei Karola bleiben. Wir habe nnoch Fernseh gekuckt bis zum Abend. Nach dem Essen durften wir aufbleiben bis Senta aus München angerufen hat.

Amouröse Berichterstattung

Mein Vorsatz, jeden Tag etwas zu schreiben, reichte bis zum 5. August 1982, währte insgesamt also elf Tage. Die restlichen Seiten des Tagebuchs sind leer.

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