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Poetikdozentur mit Lutz Seiler : Kapitän auf der Metaphernbrücke

Eingangsbild ins Erzählen: Lutz Seiler, hier im Heidelberger Karlstorbahnhof. Bild: Philipp Rothe

Poetikvorlesungen sind bei manchen verrufen. Wenn sie gelingen, entsteht jedoch eine ganz besondere Gattung. Das hat Lutz Seiler in Heidelberg exemplarisch gezeigt.

          Wenn das Stichwort Poetikdozentur falle, sagte neulich ein Kollege, winke er innerlich schon ab. Jede noch so kleine Uni habe heute doch so etwas, dauernd sei irgendwo Poetikdozentur, und manche Schriftsteller seien ja offenbar sehr erfolgreiche fahrende Dozenten und hielten inzwischen schon ihre dritte oder vierte. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Daniel Kehlmann zum Beispiel war schon Poetikdozent in Frankfurt, Mainz, Wiesbaden, Tübingen, Göttingen, Köln, Koblenz-Landau und Berlin - und das sind womöglich noch nicht alle Stationen. Die Zeit, als Paul Celans oder Ingeborg Bachmanns Frankfurter Vorlesungen noch singuläre Veranstaltungen des Literaturbetriebs waren und zu kanonischen Texten wurden, scheint lange vorbei.

          Quacksalber und Scharlatane?

          Die Inflation von Poetikvorlesungen lässt außerdem vermuten, man könne in dem Genre doch schon gar nichts Neues mehr machen: Will man wirklich von jedem Autor die Werkstattberichte, Schreibblockaden-Stories und manchmal auch Verweigerungspamphlete hören? Selbst die Verweigerung hat schon wieder Tradition, damit wird auch gern kokettiert: „Kommt nicht in Frage. Man ist entweder Autor oder Poetikbesitzer. Ich bin doch nicht mein eigener Deutsch-Leistungskurs. Ohne mich“: so die Autorin Juli Zeh, die auch noch sagte, Poetik sei etwas für „Aufschneider, Quacksalber, Schwächlinge, Oberlehrer, Zivilversager und andere Scharlatane“ - und zwar bei ihrer Frankfurter Poetikvorlesung. Schließlich gibt es sogar Momente der Peinlichkeit: Thomas Meinecke liest zur Illustration der postmodernen Zitatkultur stundenlang aus Rezensionen über seine Werke vor: vielleicht doch nicht genial, sondern eher aus der Not geboren? Oder, ganz aktuell: Der große Polter-Performer Clemens Meyer poltert etwas von einer Kreativzelle namens „Äkschn GmbH“, und dann kommt dabei doch kaum etwas anderes heraus als heiße Luft.

          Das alles hat man als Ballast an Bord, wenn man wieder eine neue Poetikvorlesung besucht - und dann kommt man zu der von Lutz Seiler und ist nach wenigen Minuten gefesselt, ja berauscht. Und es zeigt sich nach nunmehr drei Terminen und einem Gespräch mit dem Dichterkollegen Jürgen Becker bei der gerade abgeschlossenen Dozentur Heidelberg, dass es in dieser vermeintlich abgenutzten Form nicht nur alles falsch, sondern noch immer alles richtig zu machen gibt. Es beginnt, wie immer, mit der Stimme.

          Jedes „ich“ ein kleiner Sturm

          In einer Universität eine solche Stimme zu hören ist selten geworden. Allzu oft sind Vorträge und Referate heute der Inbegriff der Monotonie, von Intonation scheinen manche Akademiker noch nie etwas gehört zu haben. Aber auch Schriftsteller sind ja oft nicht die besten Vortragenden, manchmal auch gerade nicht die besten Vorleser ihrer eigenen Texte. Bei Lutz Seiler ist das Gegenteil der Fall: Ihm zuzuhören ist, so pathetisch das klingt, ein Geschenk. Seine Stimme hat einen überaus warmen Klang, und doch ist die Diktion hart: Jedes „ich“, jedes „ach“ lautet aus wie ein kleiner Sturm, und wenn es ein Plural-„s“ anzuhängen gilt, so wie einmal bei dem Wort „Dossiers“, dann ist es bei ihm ein schlangenscharfes.

          Seine Intonation hat keine große Amplitude, aber umso erstaunlicher ist die Sprachmelodie im engen Raum der kleineren: Eine Wortfolge wie „auf Mön, Hawaii oder sonstwo“ wird da zu einem vorsichtigen Gesang. Dazu noch ein feiner thüringisch-sächsischer Einschlag, bei dem sich ein Wort wie „dort“ fast auf „Geburt“ reimt, und wir sind an einer nicht verschwiegenen Schlüsselstelle seiner Poetik: Von den „müden Dörfern“ spricht Seiler in der ersten Vorlesung, jenen Dörfern Ostthüringens also, aus denen er stammt, von Kindheitstagträumen auf einem „halbtoten Gutsbesitz nach der Kollektivierung“. Er findet dort die fast märchenhafte Erinnerung an die Mutter, die zugleich die Herkunft seiner Stimme erklärt: Sie ließ ihn Gedichte memorieren, mit jeder neu einstudierten Strophe musste er zum Vortrag in die Küche kommen, das war die Liturgie der langen Sonntagvormittage: „Enjambement, diesen Ausdruck kannte keiner, es gab nur den Löffel, der mit diktierte, das Wippen und Nicken über den Töpfen mit Klößen und Thüringer Soßen. Erst die Worte, dann die Punkte, auch die Kommas hat der Autor schließlich nicht umsonst gesetzt.“

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