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Parcours „Ici-même“ in Marseille : Nur fort von diesem Stern

Ein Teil des Hafens von Marseille 1929 aus der Luft Bild: Collection of George Eastman House

Der Parcours „Ici-même“ folgt den Spuren all jener, die auf der Flucht vor Hitler in Marseille gestrandet sind. Er führt das hoffnungsvolle Bild der Stadt bei den Flüchtenden eindrucksvoll vor Augen.

          Unfassbar blau steht der Himmel über dem Vieux Port. Alles hier ist neu gestaltet, die Stadt hat sich herausgeputzt. Die neunspurige Autostraße um das Hafenbecken wurde verkleinert, der Platz zur großzügigen Promenade erweitert. Und auch wenn sich der Sinn der auf Glanz polierten Eisenkonstruktion, die Norman Foster kürzlich hier errichten ließ, nicht ganz erschließt, so funkelt sie doch hübsch in der Sonne und bietet reichlich Schatten unter dem segelartigen Dach.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nichts deutet darauf hin, dass sich genau hier, rund um den Hafen, einst zahllose Dramen der Emigration abspielten. Besser gesagt: fast nichts. Denn kaum einer der Flaneure bemerkt, dass sich vor dem Fischhändler auf dem Boden ein Zitat von Anna Seghers befindet: „Mütter, die ihre Kinder, Kinder, die ihre Mütter verloren hatten“, steht da in unscheinbaren französischen und hier übersetzten Lettern, „aus allen Ländern verjagte Menschenhaufen, die schließlich am Meer ankamen, wo sie sich auf die Schiffe warfen, um neue Länder zu entdecken, aus denen sie wieder verjagt wurden; alle auf der Flucht vor dem Tod, in den Tod.“

          Mit Phantasiebooten und Fabelkapitänen

          Anna Seghers’ Emigrantenroman „Transit“ gehört zu den eindringlichsten Zeugnissen über Marseille als letzten Fluchtort für all jene, die von den Nationalsozialisten kreuz und quer durch Europa gejagt wurden. Die Schrift am Quai des Belges ist Teil der Ausstellung „Ici-même“, die im Rahmen der Kulturhauptstadt bis zum 29. November mit temporären Zeichen im öffentlichen Raum an die besondere Rolle der Hafenstadt während der NS-Diktatur erinnert.

          Einundfünfzigmal markieren die in Farbe aufgetragenen Zeichen historisch bedeutsame Orte: das legendäre Café „Le Brûleurs de Loups“ am Hafen etwa, in dem sich die Emigranten in fiebriger Unruhe Rettungsgeschichten erzählten und aberwitzige Fluchtwege beschworen. Da wurden Pläne mit Phantasiebooten und Fabelkapitänen entworfen, Visa für Länder, die auf keiner Karte zu finden waren, und Pässe aus Staaten, die es nicht gab. Der Parcours „Ici-même“ führt weiter zum Platz vor der Oper, auf dem die französische Polizei im Januar 1943 Hunderte jüdische Familien zusammentrieb und den Deutschen auslieferte. Danach geht es zum Bahnhof Saint-Charles, der ersten Station der Flüchtlinge in Marseille, und weiter über das Hôtel Splendide, in dem Varian Fry seine Hilfsaktion koordinierte, die mehr als tausend Leben rettete (siehe Seite 29), zum Hôtel Aumage, in dem Anna Seghers untergebracht war, und zum Sitz der Gestapo ausgerechnet an der Rue Paradis.

          Das „Who's who“ der Intelligenz

          Im August 1940 befanden sich südlich der Demarkationslinie sechzehntausend Deutsche auf der Flucht, Juden und Antifaschisten, darunter viele Intellektuelle und Künstler. Die Stimmung in jenen apokalyptischen Wochen und Monaten schwankte zwischen Hoffnung und Angst, Zuversicht und Zynismus. Wilde Gerüchte kursieren unter den Flüchtenden: Kommen morgen die Deutschen? Sind sie schon da? Gibt es noch ein Schiff? Alle hoffen verzweifelt, einen Platz auf einem der Dampfer zu bekommen, die Kurs Richtung Freiheit nehmen. Die meisten, die sich bis Marseille durchgeschlagen haben, sind am Ende ihrer Kräfte, haben strapaziöse Fluchten hinter sich und womöglich Lageraufenthalte überlebt. Über die Verzweiflung der Flüchtlinge und die Atmosphäre der Angst notiert Anna Seghers: „Damals hatten alle nur einen einzigen Wunsch: abfahren. Alle hatten nur eine einzige Furcht: zurückbleiben. Fort, nur fort aus diesem zusammengebrochenen Land, fort von diesem Stern!“

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