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Historischer Fund : Das 12-Millionen-Euro-Buch

Doppelseite zum Requiem: links ein nächtliches Toten-Offizium mit einer Begräbnisdarstellung darunter, rechts die Totenmesse für einen verstorbenen König. Da das Buch für den französischen Thronfolger gedacht war, ist die Szene vom Königstod pikant: Der damals regierende Karl VI. war während seiner Regierungszeit mehrfach schwer krank. Bild: Foto Bibermühle

Drei Bücher der Brüder Limburg kannte die Welt bisher, nun ist ein viertes aufgetaucht. Es ist kunstgeschichtlich eine Sensation und zugleich ein Stück Kriminalgeschichte.

          Am kommenden Wochenende wird im niederländischen Nimwegen ein Buch erstmals öffentlich gezeigt, von dessen Existenz jahrhundertelang nichts bekannt war. Nicht einmal seinen früheren Eigentümern, der belgischen Linie der Adelsfamilie Castelnau, in deren Besitz es sich wohl schon seit einem halben Jahrtausend befand. Dort lag das kleine Stundenbuch (als ein Gebetbuch im typischen Sedez-Format misst es etwa vierzehn Zentimeter in der Höhe und zehn Zentimeter in der Breite) im Archiv statt in der Bibliothek. Als im neunzehnten Jahrhundert in ganz Europa die große Jagd von Sammlern und Museen auf Bücher dieser Art einsetzte, wurde das Manuskript deshalb nicht gefunden. So blieb es unberührt und vor allem unzerteilt. Denn das Besondere daran sind dreißig Zeichnungen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sie stammen vom Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts, und wer um die Seltenheit von Zeichnungen aus dieser Epoche weiß, wird die Sensation zumindest erahnen, die dieses Stundenbuch darstellt. Das taten auch etliche Kenner, als das Buch nach der Wiederentdeckung durch die Castelnaus im Dezember 2013 auf einer Internetauktion angeboten wurde. In einem Bietergefecht, an dem auch das Getty-Museum beteiligt war, wurde der Preis auf 2,5Millionen Euro getrieben. Und da wusste noch niemand, von wem die Zeichnungen eigentlich sind.

          Es sind keine Illuminationen, also Buchmalereien, sondern allerfeinst ausgeführte Tintenzeichnungen. Vor allem die Architekturelemente sind angesichts der winzigen Fläche von einer solchen Akribie, dass sie als bloße Unterzeichnungen für eine spätere Illuminierungskampagne kaum denkbar sind. Tatsächlich gab es seinerzeit das Genre des portrait d’encre, der Zeichnung als vollwertigen Kunstwerks. Viel spricht dafür, dass die Bilder dieses Buchs nie ausgemalt worden wären.

          Die Mona Lisa der Buchmalerei

          Allerdings ist es auch nicht fertig geworden: Bei der prachtvollsten Miniatur darin, der Verkündigung an Maria, sind die Figuren der Jungfrau und des Engels lediglich skizziert, während der sie umgebende Architekturrahmen vollständig ausgeführt und von einer Qualität ist, wie man sie sonst aus dieser Zeit kaum kennt. Wie damals üblich, sollten um die Bilddarstellungen aufwendig ornamentierte Bordüren mit Pflanzen- und Tierdarstellungen gemalt werden, und auf einigen Seiten geschah das auch, doch viele bieten nur Vorzeichnungen dafür oder blieben am Rand gar ganz leer. Warum das so ist, hat sich als der Schlüssel für die nunmehrige Zuschreibung der Zeichnungen erwiesen.

          Sie stammen mit größter Wahrscheinlichkeit von einem der drei Brüder Limburg, deren Geburtsdaten unbekannt sind, die aber alle drei wohl erst zwischen Ende zwanzig und Mitte dreißig waren, als sie 1416 in Paris an der Pest starben. Damals standen sie im Dienst des Herzogs von Berry, des Onkels des französischen Königs KarlVI. In dessen Herrschaftszeit fällt der „Weiche Stil“, jener Übergang von Gotik zu Renaissance, der erst im neunzehnten Jahrhundert in seiner Bedeutung erkannt wurde, während man vorher in Frankreich durchaus pejorativ von den „primitifs“ gesprochen hatte.

          Seitdem aber sieht man darin die Keimzelle einer eigenständigen nordeuropäischen Kunst, und in den Limburgs erkannte man die zentralen Vermittler italienischer Motive und Techniken an die eine Generation später wirkenden Jan van Eyck oder Rogier van der Weyden. Als Prunkstück des Schaffens der Brüder gelten die für den Herzog von Berry angefertigten „Très Riches Heures“, ein Stundenbuch, das heute im Schloss von Chantilly aufbewahrt wird. Es ist so etwas wie die Mona Lisa der Buchmalerei.

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