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„New Dark Age“ von James Bridle : Im Dunkeln denkt es sich besser

„New Dark Age“ ist ein finsteres Gespensterbuch voller Horrorgeschichten unserer Tage. Bild: dpa

Wir wissen mehr, als wir je wussten. Und werden doch das Gefühl nicht los, dass niemand mehr versteht, wie die Dinge zusammenhängen. Höchste Zeit, die Dunkelheit als Chance zu begreifen.

          Sie wissen das vermutlich schon alles: Sie wissen, dass Regierungen ihre Bürger überwachen und Unternehmen alle Daten sammeln, die sie nur sammeln können. Sie wissen, dass soziale Medien das Verhalten der Nutzer manipulieren. Sie wissen, dass sich globale Migration nicht aufhalten lässt, indem man Grenzen schließt. Sie wissen, dass es immer schwieriger wird, Wahrheit und Fake zu unterscheiden, und dass es immer mehr Menschen gibt, denen das völlig egal ist. Sie wissen, dass Sie die Gentrifizierung vorantreiben, wenn Sie ein Apartment auf Airbnb buchen und den Buchhändler im Kiez ruinieren, wenn Sie bei Amazon einkaufen. Sie haben vielleicht auch schon davon gehört, dass an den Börsen Computer Deals in Mikrosekunden aushandeln, die kein Banker mehr verstehen kann. Und vielleicht ahnen Sie auch, dass all der Strom, den Ihre sich immer schneller entladenden Akkus verbrauchen, nicht unerheblich zum Klimawandel beiträgt.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wir wissen mehr, als wir je wussten, und wenn wir etwas nicht wissen, dann glauben wir, dass wir die Antwort schon im Internet finden werden. Wir lesen ständig davon, wie durchschaubar unsere Wünsche sind und wie berechenbar unsere Entscheidungen. Und trotzdem werden wir das Gefühl nicht los, dass niemand mehr versteht, wie die Dinge zusammenhängen. Wir spüren eine Ohnmacht, deren Dimension eine ganz andere ist als zu übersichtlicheren Zeiten, eine strukturelle Ohnmacht, die selbst die mächtigsten Individuen nur als Teile eines globalen Apparats erscheinen lässt, dessen Autopilot sich nicht abschalten lässt.

          Kein Mangel an intelligenten Analysen

          Täglich erleben wir ein kognitives Paradox: Je mehr Informationen wir haben, desto weniger verstehen wir. Kein Wunder, dass wir, damit die Kopfschmerzen nicht allzu groß werden, zu Ignoranten werden. Schließlich kommt uns das ja auch alles zu Recht wie ein Fortschritt vor: der schnelle Weg, den uns das Navi vorgibt, die phantastische Serie, die Netflix für uns ausgesucht hat, die Kirschen, die im Supermarkt zwei Euro kosten, die warmen Frühlingstage, die wir dem Klimawandel verdanken.

          Der Künstler James Bridle zeichnet die Umrisse von Satelliten und Drohnen, die normalerweise über unseren Köpfen schweben, auf den Boden.

          Die Frage, wie man mit einer solchen Situation umgeht, stellt sich nicht nur für den persönlichen Lebensentwurf, sondern auch für die intellektuelle Strategie. Kritik und Aufklärung wirken nur noch wie ein hilfloser Reflex aus einer Zeit, in der die Vernunft noch Unwissen und Aberglaube als ihren größten Feind ausmachte. Längst herrscht ja kein Mangel mehr an gebildeten, deutlichen, mahnenden Analysen, an Büchern, die uns vor dem „Angriff der Algorithmen“ warnen oder der Macht des Silicon Valley, vor dem „Ende der Demokratie“ oder der Diktatur der Selbstoptimierung. So düster sie die Zukunft einer computerisierten Gesellschaft schildern, so wenig können es sich die meisten dieser Bücher verkneifen, eine Lösung für die Probleme zu formulieren oder zumindest einen Aufruf zur Gegenwehr: Löscht eure Social-Media-Accounts! Schützt eure Daten! Bleibt unberechenbar! Lernt programmieren! Baut ein europäisches Internet! Gemeinsam ist den meisten Appellen, dass sie die Hoffnung auf die Kraft der Aufklärung noch nicht aufgegeben haben. Sie beschwören eine Instanz, deren Verschwinden gerade der Grund für die Probleme und für das allgemeine Unbehagen ist: die Autonomie und Handlungsfähigkeit des Menschen. Sie wollen die Ohnmacht mit mehr Wissen bekämpfen, die Dunkelheit mit Licht.

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