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Neue Comics : Zum Raum wird hier die Zeit

Offensive der Großmeister: Drei der berühmtesten Comic-Avantgardisten publizieren neue Hauptwerke. Richard McGuire und Marc-Antoine Mathieu überzeugen, Scott McCloud enttäuscht.

          Vor 26 Jahren kam ein Taschenbuch namens „Raw“ heraus. Das war die erste kleinformatige Ausgabe eines Magazins, das zuvor neun Jahre lang als übergroßes Heft erschienen war. Herausgeber waren der amerikanische Comiczeichner Art Spiegelman und seine Frau Françoise Mouly, und sie hatten für „Raw“ von Beginn an die bedeutendsten Comic-Avantgardisten gewonnen, Autoren wie Robert Crumb, Jacques Tardi, Ever Meulen, José Muñoz, Joost Swarte, Gary Panter, Charles Burns, Mark Beyer, Ben Katchor, Mariscal oder Baru. Dazu wurden Comicstrip-Klassiker von Winsor McCay oder George Herriman nachgedruckt, weil die riesigen „Raw“-Hefte sich den ursprünglichen Zeitungsformaten immerhin annäherten. Doch nach acht Ausgaben brachen Spiegelman und Mouly mit der Überwältigung durchs Großformat. Die letzten drei „Raw“-Ausgaben bis zum Ende der Reihe im Jahr 1991 kamen nun geradezu unscheinbar daher.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das war Programm, denn in diesen jeweils mehr als zweihundert Seiten starken Kleinausgaben steckte eine neue Form der Comic-Avantgarde: eine, die nicht länger allein durch opulente Graphik, sondern vor allem durch ein neues Verständnis des Comicerzählens überzeugen wollte. Die Namen der ersten „Raw“-Ausgabe im Kleinformat zeigten, dass sich die Großen neu erfinden wollten: Burns, Beyer, Katchor, Baru, Mariscal, Swarte, Meulen, Panter und natürlich auch Spiegelman selbst waren wieder mit dabei und unterwarfen sich lustvoll der Beschränkung durchs reduzierte Format, die es durch erzählerische Originalität auszugleichen galt.

          Jahrzehnte in die Zukunft, Jahrmillionen zurück

          Als originellster Erzähler aber erwies sich jemand, den noch keiner kannte: ein gewisser Richard McGuire, der im Inhaltsverzeichnis ausgewiesen war als Bassist einer Rockband und bildender Künstler. Für „Raw“ zeichnete er damals sechs schwarzweiße Seiten, jede mit sechs exakt gleichgroßen Bildern, und mit Erscheinen dieser 36 Panels veränderte sich die Comicwelt. Denn der 1957 geborene McGuire brachte Raum und Zeit zu einer ästhetischen Deckung, von der Einstein nicht zu träumen gewagt hätte: reine Harmonie als Dienstleister einer Geschichte, die den schlichten Titel „Here“ trug.

          Richtungsweisend: eine Seite aus Marc-Antoine Mathieus wortlosem Comic.
          Richtungsweisend: eine Seite aus Marc-Antoine Mathieus wortlosem Comic. : Bild: Verlag Delcourt

          Dieses „Hier“ bezeichnet eine Ecke in einem leergeräumten Zimmer. Die Perspektive auf diese Stelle ändert sich nie, doch jedes Bild führt in ein anderes, genau datiertes Jahr, und entsprechend verändert sich das Geschehen. 1957 etwa wird das Zimmer von einem jungen Ehepaar bewohnt, das sein erstes Kind erwartet, 1975 gibt es ein großes Hallo für ein anderes Neugeborenes, 1984 spielt ein kleiner Junge unter dem Weihnachtsbaum, und mit jedem neuen Zeitpunkt hat sich natürlich die Wohnungseinrichtung verwandelt. Es geht aber auch in die Zukunft, zum Beispiel ins Jahr 2030, als eine Abrissbirne das Haus zerschmettert, oder weit zurück in die Vergangenheit, etwa ins Jahr 100.650.010 vor Christus, als es natürlich noch kein Haus gibt, sondern just an jenem Ort, wo es mehr als hundert Millionen Jahre später dann stehen wird, ein Stegosaurus durchs Gelände stapft.

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