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Nach dem Brand im Bücherlager Die große Kleinverlagskatastrophe

Kaum jemanden regt es auf: Kürzlich wurden bei einem Brand in der Nähe Leipzigs fünf Millionen Bücher zerstört. Vor allem kleinere Verlage trifft der Verlust sehr hart. Ein Verleger berichtet.

© LKG mbH Vergrößern Blick ins Reservelager der LKG.

Am vergangenen Montagmorgen fuhr Mark Lehmstedt hinaus nach Naunhof, einer Kleinstadt südöstlich von Leipzig. Niemand hielt ihn auf, als er sich die Stelle ansehen wollte, wo mindestens 60.000 seiner Bücher verbrannt sind. Das Areal, auf dem mehrere Lagerhallen von LKG (Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel, eine Tochter des Stuttgarter Grossisten Koch Neff & Volckmar) am 5. April aus noch ungeklärten Gründen in Brand geraten sind, ist etwas mehr als zwei Wochen danach völlig unbewacht, jeder kann sich die Überreste ansehen, immer noch liegt Brandgeruch in der Luft. „Es war wie in einem ganz schlechten Film“, sagt Mark Lehmstedt im Gespräch mit der F.A.Z., „ich schaue auf die riesigen Berge verbrannten, verschmorten, verkohlten Papiers, und da blickt mich nicht nur ein Titelbild aus dem Lehmstedt Verlag an, sondern auch noch mein eigenes Buch, das ich vor ein paar Jahren über den Jazzpianisten Art Tatum geschrieben habe.“

Diese reichbebilderte Biographie ist 2009 erschienen. Wie die meisten Bücher im Programm von Lehmstedt war sie ein Longseller, immer wieder wurden Exemplare verkauft, die Backlist macht vierzig Prozent vom Umsatz des kleinen Leipziger Verlags aus. Genau dieses Geschäft ist nun schwer geschädigt worden, denn rund ein Viertel der gesamten Verlagsbestände sind am 5. April in Flammen aufgegangen oder derart verräuchert worden, dass sie wohl nicht mehr zu verkaufen sein werden. Die Versicherung, die Lehmstedt über den Großbuchhändler abgeschlossen hat, wird ihm den Schaden ersetzen, aber wann, das steht in den Sternen. Dabei müsste er nun schnell nachdrucken, denn von einigen Titeln sind alle beim Verlag verfügbaren Exemplare verbrannt.

Der größte Bücherverlust seit dem Weltkrieg

So zum Beispiel von Efraim Habermanns Fotoband „Berliner Stilleben“, erschienen 2011. Im kommenden Monat feiert der 1933 in Berlin geborene Fotograf, dessen jüdische Eltern mit dem damals drei Jahre alten Sohn rechtzeitig das „Dritte Reich“ verließen, seinen achtzigsten Geburtstag. „Wie erkläre ich dem alten Herrn, dass ausgerechnet in dem Moment, wo er im Mittelpunkt des Interesses steht, sein Buch nicht verfügbar ist?“, fragt Lehmstedt. Andere Bildbände von Habermann sind nicht lieferbar. Eberhard Klöppels gerade mal ein halbes Jahr alter Fotoband „Berlin, Ecke Schönhauser“ - ist komplett zerstört. Und auch vierzehn von zwanzig Reiseführern des Lehmstedt Verlags sind verloren, gerade jetzt, wo die Hauptabsatzzeit für solche Titel beginnt.

Alle Verlagsbestände von Lehmstedt werden bei LKG aufbewahrt, aber zum Glück lag nur ein Viertel in dem nun zerstörten Außenlager. Insgesamt sind dort zehntausend Bücherpaletten verbrannt; die genaue Zahl der vernichteten Einzelexemplare kennt noch keiner, aber Lehmstedt macht eine Überschlagsrechnung auf: „Eine solche Palette enthält, vorsichtig geschätzt, jeweils um die fünfhundert Bücher. Also sind fünf Millionen Bücher draufgegangen.“ Das ist der größte Bücherverlust auf einen Schlag in Deutschland seit den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs. Achtzehn Stunden dauerte es, bis das Feuer gelöscht war.

Der Büchermarkt ist ärmer geworden

Dreiundneunzig Verlage sind betroffen, große wie kleine, doch es sind vor allem die kleinen, die nun vor Liquiditätsproblemen stehen wie Lehmstedt. Der im fränkischen Cadolzburg residierende Verlag ars vivendi hatte auch insgesamt 100.000 Bücher in Naunhof gelagert, unter ihnen alle Bände einer von Frank Günther neu übersetzten Shakespeare-Gesamtausgabe, die auf die beiden Jubiläen von 2014 (450. Geburtstag) und 2016 (400. Todestag) hin konzipiert wurde. Sie sind ein Raub der Flammen geworden.

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Neuerscheinungen dieses Frühjahrs sind bei keinem Verlag betroffen; sie lagerten des schnellen Zugriffs wegen im Hauptlager von LKG. So war zunächst die Rede von ausschließlich Makulatur und Remittenten, die in Naunhof verbrannt seien. Das war aber nur in geringem Maße der Fall. „Natürlich hätte ich nicht alle dort gelagerten Bücher noch verkauft“, sagt Lehmstedt, „aber das meiste waren Titel, von denen über die Jahre hinweg immer wieder ein paar Dutzend Exemplare nachgefragt werden, und das ist wichtig für mich. Ob sich da aber eine Neuauflage lohnt, kann man schwer kalkulieren.“ Der Büchermarkt ist ärmer geworden, und was aus den betroffenen Verlagen wird, ist ungewiss.

Quelle: F.A.Z.

 
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