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Mein liebster Buchladen (2) : Hier reichen die Bücher bis in den Himmel

  • -Aktualisiert am

Die Haymon Buchhandlung am Sparkassenplatz in Innsbruck Bild: Andreas Müller

Online bestellen geht schnell, ist aber öde. Beim Buchhändler spielt das wahre Literaturleben. Schriftsteller wissen das und stellen uns ihre Lieblingsbuchhandlung vor: Heute geht es nach Innsbruck.

          Gemessen an all den Büchern, die ich nicht besitze, aber dringend besitzen möchte, finde ich in jeder Buchhandlung Mangel. In der Buchhandlung des Haymon Verlags am Sparkassenplatz in Innsbruck treffe ich auf einen Leidensgenossen und einen Rivalen zugleich, nämlich auf Markus Hatzer, den Verleger und Buchhändler, einen Buchjäger, einen Buchpfleger, einen Buchfänger, einen eifersüchtigen Buchbewahrer, der die zufriedenen Kunden liebt, die unzufriedenen aber mehr liebt, weil er in ihrem Wunsch, den er nicht erfüllen konnte, ein Beutestück wittert, das ihm bisher entgangen war, ein künftiges Lieblingsstück womöglich. In der Nacht schleicht er sich in seine eigene Buchhandlung, macht kein Licht und bestellt gierig im Schein des Laptops, was der enttäuschte Kunde wollte, bestellt doppelt, einmal für jenen, einmal für sich selbst.

          Er unterscheidet nicht zwischen privater Bibliothek und Buchhandlung. So gehören ihm die Schätze - und gehören ihm doch nicht. Er verehrt Gesamtausgaben. Gerade, weil sie aus der Mode gekommen sind. Gerade, weil zu hoffen ist, dass sie vielleicht nicht abgeholt werden und liegenbleiben. Die Lieblinge ordnet er nicht auf Augenhöhe ein, sondern über Augenhöhe, irgendwo auf einem der beiden Regalreihen unterhalb der Decke, damit sie beim Betreten der Buchhandlung sofort ins Auge springen, der Kunde aber, tritt er näher heran, den Kopf heben muss, was in ihm, rein physiologisch ausgelöst, ein sakrales Gefühlchen anzündet, dessen er sich nicht bewusst ist, das ihn aber dazu verführt, in dieser Ware dort oben eine besondere Ware zu ahnen, was wiederum Sehnsucht auslöst und ein bisschen Selbstverachtung, wenn er, wie er es eigentlich vorhatte, nur zu einem Taschenbuch griffe.

          Ich habe diese Überlegung Markus Hatzer irgendwann auf den Kopf zugesagt. „Ist es so? Willst du es so?“, habe ich ihn gefragt. „Nicht, dass ich wüsste“, hat er geantwortet. Er plaziere die Lieblinge deshalb so weit oben, damit sie nicht gekauft werden. „Aber genau das spürt der Kunde!“, sagte ich. „Das weckt in ihm den Jäger. Er sieht in dir nicht mehr allein den Buchhändler, sondern eben auch den Rivalen.“ „Meinst du?“, gab sich Markus Hatzer überrascht. Ob er denn von diesen Gesamtausgabenklötzen manchmal einen verkaufe, fragte ich. Relativ oft sogar, gab er zu. Ich beobachtete ihn sehr genau, und mir schien, mehr Leid als Freud war in seinem Gesicht. „Grad hat mir einer den ganzen Adorno weggetragen.“

          Ich sah dort oben stehen: noch den ganzen Ernst Jünger; Thomas Bernhard natürlich, weiß und abweisend wie Marmor; Masha Kalékos sämtliche Werke und Briefe in drei Bänden; Walter Benjamin, die voluminöse neue Edition; neun Bände Siegfried Kracauer; Hegel, die alte weiße Suhrkamp-Ausgabe; den (noch nicht abgeschlossenen) Nabokov; den blauen Italo Svevo, den grünen Robert Walser, den roten Sigmund Freud, den gelben C. G. Jung; aber auch die zierlichen, längst vergriffenen Bändchen der Shakespeare-Übersetzungen von Christoph Martin Wieland aus dem Haffmans Verlag bilde ich mir ein, dort oben gesehen zu haben.

          Ausgezeichnet eingerichtet: die Buchhandlung von innen
          Ausgezeichnet eingerichtet: die Buchhandlung von innen : Bild: Andreas Müller

          Solche Sachen gibt’s in anderen Buchhandlungen auch, solche und noch mehr, und es ist ja nicht so, dass ich keine anderen Lieblingsbuchhandlungen hätte, jeder Mensch, der seine Tassen im Schrank hat, verfügt über mindestens vier bis sechs Lieblingsbuchhandlungen, einige von meinen sind durchaus kalorienreicher ausgestattet als die Haymon Buchhandlung von Markus Hatzer - aber nie und nirgends sonst habe ich einen Buchhändler mit Cardillac-Syndrom erlebt, dem Wahn, den E. T. A. Hoffmann in seinem „Fräulein von Scuderi“ beschreibt und der seinen Namen vom Goldschmied René Cardillac hat, der sich von Schmuckstücken, die er erzeugt und mit denen er Handel treibt, nicht trennen kann und seine Kunden nachts ermordet und ihnen die geliebten Gegenstände wieder raubt.

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