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Jugendbuchautorin Meg Rosoff : Ich habe schon tausend Leben geführt

  • -Aktualisiert am

Als Paula Defoe 1966 „Goldlöckchen“ spielte, brauchte sie einige Phantasie, um sich vor diesen Bären zu fürchten. Bild: Getty

In einer Gesellschaft, die der Phantasie zutiefst misstraut, werden Kreativität und Künste systematisch aus dem Bildungssystem entfernt. Es ist Zeit, dass wir uns dagegen wehren. Eine Rede an junge Leser.

          Ich möchte euch ein Märchen erzählen: Es war einmal ein kleines Mädchen namens Goldlöckchen. Eines Tages ging sie in einem sehr dunklen Wald spazieren. Es dauerte nicht lange, da stieß sie auf eine schöne Hütte. Nun, eigentlich war es eher eine Grube. Nein, genau genommen, war es auch keine Grube – eher ein schmaler, in die Erde gegrabener Tunnel, der zu einer matschigen Höhle führte. Goldlöckchen klopfte an den Eingang des Tunnels, und als niemand aufmachte, kroch sie tief und tiefer in die Höhle hinein. Auf dem Tisch in der Küche entdeckte sie drei Schüsseln mit Brei.

          Gut, wir wollen ganz genau sein: Es gab keinen Tisch und keine Küche, weil Bären nicht über die feinmotorischen Fähigkeiten verfügen, um Küchenzeilen oder Möbel zu bauen. Darum sieht man auch nie einen Bären, der eine Spülmaschine einräumt oder Schach spielt. Auch die Schüsseln mit Brei entsprechen nicht der Wahrheit – Bären mögen nämlich keinen Brei und können außerdem nicht kochen. In Wirklichkeit entdeckte Goldlöckchen die verwesenden Überreste von drei Kaninchen.

          „Dieses Kaninchen schmeckt auch eklig!“

          Goldlöckchen war sehr hungrig. Also probierte sie das erste. „Dieses Kaninchen schmeckt eklig!“, sagte sie. Sie probierte das zweite Kaninchen. „Dieses Kaninchen schmeckt auch eklig!“, sagte sie. Sie probierte das dritte Kaninchen. „Dieses Kaninchen schmeckt noch ekliger!“, sagte sie und aß lieber das Käsesandwich, das sie mitgebracht hatte. Es schmeckte sehr gut. Nach dem Essen wurde sie müde. Also legte sie sich in das erste Bett. Obwohl es, um genau zu sein, kein Bett war. Es war ein Laubhaufen vermischt mit Matsch und Bärenexkrementen. Dann legte sie sich in das zweite Bett, das nicht viel besser war. Schließlich legte sie sich in das dritte Bett, ein weiterer Laubhaufen vermischt mit Matsch und Bärenexkrementen, und schlief ein.

          Während sie schlief, kamen die drei Bären nach Hause und krochen durch den Tunnel in die enge Höhle. „Brumm“, brummte Papa Bär, der unheimlich schwer war und sehr lange, scharfe Krallen hatte. Er sagte nicht: „Jemand hat von meinem Brei gegessen“, weil Bären natürlich nur Bärensprache sprechen. „BRUMM“, brummte Mama Bär, die nicht ganz so schwer war, dafür aber Zähne hatte, die Menschenfleisch in Stücke reißen konnten. „Brummmm“, brummte der kleine Bär, der nicht so gefährlich war, aber von seinen Eltern genetisch so programmiert, sich bis auf den Tod zu verteidigen. In diesem Augenblick wachte Goldlöckchen auf, sah die drei Bären und schrie: „Hilfe, Hilfe, Hilfe!“ Doch es war zu spät. Sie fraßen sie auf. Ende.

          Meg Rosoff
          Meg Rosoff : Bild: dpa

          Viele Leute glauben, dass man ein Märchen so erzählt. Mit Fakten. Denn Fakten sind wahr, und eine auf Fakten basierende Erziehung ist, der britischen Regierung zufolge, für Studenten bei weitem hilfreicher, um später einen Job zu finden.

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