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Martin Walser : Sein Ritt über den Bodensee

Beseelt vom „Lesewunder“ der Texte Sholem Yankev Abramovitshs: Martin Walser am Montagabend im Kursaal Überlingen Bild: Jens Sikeler

Martin Walser hat sein Verhältnis zum Judentum überdacht. Gemeinsam mit Susanne Klingenstein erinnert er in Überlingen an den jiddischen Romancier Sholem Yankev Abramovitsh.

          Eine Woche ist es her, dass Günter Grass die Gelegenheit verpasst hat, in einem Lübecker Gespräch mit dem Publizisten und ehemaligen israelischen Botschafter in Deutschland Avi Primor ein klärendes Wort zu dem ihm seit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ unterstellten Antisemitismus zu sagen. Er beschränkte sich auf Schuldzuweisungen an seine jüdischen Kritiker.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Doch nach genau dieser Woche tritt am anderen Ende der Republik ein anderer hochberühmter, gleichfalls einmal des Antisemitismus verdächtigter deutscher Schriftsteller in ähnlicher Konstellation auf: Martin Walser stellt gemeinsam mit der amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein, einer Koryphäe für jüdische Kulturgeschichte, im Kursaal der Stadt Überlingen am Bodensee den jiddischen Autor Sholem Yankev Abramovitsh (1835 bis 1917) vor. Klingenstein wie Walser haben jeweils gerade ein Buch über Abramovitsh geschrieben; beide werden jetzt in Überlingen vorgestellt. Von Seiten Walsers ist es eine veritable Liebeserklärung geworden. Und er versäumt dabei die Gelegenheit für ein klärendes Wort nicht.

          Walser ist, wie Grass, Jahrgang 1927 und war über Jahrzehnte hinweg eine moralische Instanz - bis seine Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1998 und mehr noch sein vier Jahre später erschienener Schlüsselroman „Tod eines Kritikers“ über Marcel Reich-Ranicki heftige Verstörungen auf jüdischer Seite hervorriefen. Davon war wiederum Walser, genau wie Grass, tief verletzt; er gestand nicht einmal Missverständnisse ein. Es bedurfte des Todes von Frank Schirrmacher, um Walser in seinem Nachruf zu dem Satz zu bewegen: „Dass er im Jahr 2002 Reich-Ranicki mir vorzog, verstehe ich heute besser als damals.“

          Literarisches Kunstprodukt

          Man darf gespannt sein, wie nun Walsers Einsatz für Abramovitsh auf jüdischer Seite ankommt. Susanne Klingenstein berichtet jedenfalls, dass sie gemeinsam mit Walser derzeit in keiner jüdischen Gemeinde willkommen sei. Nur kannte bis jetzt auch noch niemand Walsers neues Buch und die darin dokumentierte, grenzenlose Begeisterung für einen Autor, in dessen Schaffen der deutsche Schriftsteller dasselbe „Genie der Zustimmung“ am Werk sieht, das auch sein eigenes Schreiben antreibt. Und den er nun in Überlingen zum Anlass für sein klärendes Wort nimmt.

          Es ist das erste öffentliche Gespräch von Walser und Susanne Klingenstein, obwohl sich beide seit mehreren Jahren kennen und in ständigem Austausch miteinander standen, während Klingenstein an ihrer gewaltigen Studie „Mendele der Buchhändler - Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh“ (Harassowitz Verlag, Wiesbaden) schrieb. Durch dieses Buch, das weitaus mehr ist als individuelle Biographie und Werkdeutung, nämlich auch eine Gründungsgeschichte der jiddischen Hochliteratur, ist Walsers Begeisterung für Abramovitsh erst geweckt worden. Deshalb hat er sein eigenes Buch, den in der kommenden Woche bei Rowohlt erscheinenden Essay „Shmekendike Blumen - Ein Denkmal für Sholem Yankev Abramovitsh“, Susanne Klingenstein gewidmet. Und sie wiederum dedizierte ihm ihr fünfhundertseitiges Werk. Beide, so erzählen sie in Überlingen, wussten dabei jeweils nichts von der entsprechenden Absicht des anderen.

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