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Schriftsteller im Gespräch : Moral ist ein Schimpfwort

Ist das nicht elitärer Quatsch, was wir machen? Sibylle Berg, Lukas Bärfuss und Peter von Matt (von links) in Ascona. Bild: Ivana De Maria Timbal

Sind schlechte Zeiten gute Zeiten für Schriftsteller? Bei einem schweizerischen Gipfeltreffen erörtern Lukas Bärfuss, Peter von Matt und Sibylle Berg Erziehungsmethoden von VW-Managern, die Utopiemanufaktur Silicon Valley und Vergeblichkeitsattacken beim Schreiben.

          Herr Bärfuss, die heftigen Reaktionen zu Ihrem Artikel „Die Schweiz ist des Wahnsinns“, abgedruckt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, haben überrascht. Was war da los?

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Lukas Bärfuss: Vieles. Entscheidend war, dass der Essay in einer deutschen Zeitung erschienen ist. Das haben mir viele übelgenommen. Man regelt die Dinge lieber innerhalb der Familie.

          Peter von Matt: Es ist kurios. Seit Jahren wird geklagt, dass sich seit Frisch und Dürrenmatt die Schriftsteller nicht mehr einmischen. Das stimmt zwar nicht, aber so lautet das Medienklischee. Wenn dann mal einer auf den Putz haut, kommt die Animosität wieder zum Vorschein. Politiker und Medienleute meinen, sie seien zuständig für Politik. Schriftsteller sollen Bücher schreiben, aber sich sonst bitte schön ruhig verhalten.

          Lässt sich heute moralisch nicht mehr argumentieren?

          Sibylle Berg: Moral ist zu einem Schimpfwort geworden. Moraldiskussionen haftet in der kollektiven Meinung fast etwas Abstoßendes an. Erstaunlich, denn jeder hat doch eine moralische Instanz in sich und weiß, was außerhalb seines kleinen Zirkels in der Welt passiert.

          Wie erklären Sie sich das?

          S.B.: Es ist der aufgeregten Situation in der Welt geschuldet. Sie hat ein Stadium erreicht, in dem scheinbar alles beginnt, in sich zusammenzufallen. Es gibt zu viel Ungleichgewicht, alles reibt sich, das taugt nicht mehr zum gemütlichen Gespräch. Darum wird geschrien. Schwer, da Leises zu hören. Die Angst befeuert sich im Internet. Es ist schwer, auf etwas so Stilles wie die eigene Moral zu hören. Früher war es einfacher, einen Standpunkt zu haben, wenn nicht sofort online tausend andere Standpunkte verfügbar sind.

          Wir befinden uns hier am Monte Verità, an dem Künstler vor hundert Jahren an neuen Lebensentwürfen bastelten. Können Sie mit dem Utopiebegriff überhaupt noch etwas anfangen?

          P.v.M.: Utopie ist als Kategorie phasenweise wichtig, dann verliert sie sich wieder. Aber heute, da uns die Probleme bis zum Hals stehen, können wir uns nicht auch noch eine Welt ausdenken, die so oder so wäre. Wir müssen schauen, dass der Problempegel sinkt. Die Utopie war eine Luxusdiskussion der Linken in den siebziger Jahren. Mich hat das schon damals genervt. Ich will ein handfestes Problem, worüber ich reden kann.

          S.B.: Wenn überhaupt, werden die Utopien unserer Zeit nicht von uns Schriftstellern entworfen, sondern von ProgrammiererInnen in Silicon Valley. Bei Boston Dynamics. Die Utopie ist die fast vollständige Ersetzung des Menschen durch Maschinen, Vielleicht gar nicht so übel.

          Sie drei sind Schweizer Staatsbürger. Ihr Land wird oft als Willensgemeinschaft bezeichnet. Liegt darin womöglich ein Moment von Utopie?

          P.v.M.: Die Rede von der Schweiz als Willensnation ärgert mich. Denn das heißt ja, dass die anderen von Natur aus geworden seien, was sie sind, während wir uns selbst gemacht haben. Aber die Schweiz ist das Produkt historischer Zufälle. 1815 wäre die Schweiz aufgelöst worden, wenn nicht die europäischen Großstaaten gesagt hätten, wir brauchen das Land wegen der Pässe. Die Schweiz war nicht einmal im Stande, beim Wiener Kongress einig aufzutreten, sondern musste von den Großmächten zu den Grenzen, die wir heute haben, gezwungen werden.

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