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Longlist zum Deutschen Buchpreis : Zwanzig Finalisten und vier Auslassungen

Auf einen Blick: Die für die Longlist ausgewählten Bücher Bild: Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Am 6. Oktober wird in Frankfurt die kommerziell wichtigste Auszeichnung der deutschsprachigen Literatur verliehen: der Deutsche Buchpreis. Die Longlist setzt konsequent aufs Bewährte. Mit schwer erträglichen Auslassungen.

          Die an diesem Mittwoch bekanntgegebene Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis geht mit traumwandlerischer Sicherheit am Gros der ungewöhnlichen Literatur vorbei. Mit Nino Haratischwilis „Das achte Leben (Für Brilka)“ fehlt der zumindest wagemutigste deutschsprachige Roman des kommenden Herbstes – und für mich auch der beste, und das nicht nur des zugegeben anspruchsvollen und für eine siebenköpfige Jury wohl schwer erträglichen Umfangs von 1300 Seiten wegen, die die aus Georgien stammende Autorin für ihre epische Erzählung aber auch braucht.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dass jedoch auch Stephanie Barts Debüt „Deutscher Meister“ fehlt, Sherko Fatahs „Der letzte Ort“ oder Regina Scheers „Machandel“, die alle drei mit großem Geschick und erzählerischer Souveränität zeithistorisch-politische Themen aufnehmen – Bart die wahre Geschichte des von den Nationalsozialisten um seinen deutschen Meistertitel geprellten Boxers Johann Rukelie Trollmann, Fatah den fiktiven, aber psychologisch ungeheuer realistischen Bericht von einem deutschen und einem einheimischen Entführungsopfer im Irak der jüngeren Vergangenheit, Scheer die Geschichte der DDR aus fünf verschiedenen Erzähl- und Zeitperspektiven –, das ist schwer erklärlich. Auch schwer erträglich.

          Nicht, dass man sich für die zwanzig Titel auf der Longlist schämen müsste. Mit „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche ist ein Roman vertreten, der ein Leben aus dem neunzehnten Jahrhundert erzählt, das die ganze Epoche lebendig werden lässt. Ulrike Draesners „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ ist das unbequeme Porträt eines Naturwissenschaftlers und seiner auf demselben Feld forschenden Tochter, die beide im Schatten der auf der Flucht im Zweiten Weltkrieg gemachten Erfahrungen des Älteren stehen. Und Sasa Stanisics „Vor dem Fest“ ist ohnehin ein Meisterwerk, aber bereits mit dem Buchpreis der Leipziger Messe belohnt worden, also faktisch chancenlos in der weiteren Frankfurter Konkurrenz. Wie ja der Deutsche Buchpreis ohnehin im Regelfall Titel auszeichnet, die erst im Herbst erscheinen. Es sieht einfach aktueller aus.

          Auch die anderen Nominierten sind achtbar, mit großen Namen wie Michael Köhlmeier, Lukas Bärfuss, Angelika Klüssendorf, Feridun Zaimoglu, Gertrud Leutenegger, Charles Lewinsky, Lutz Seiler, Heinrich Steinfest und sogar Marlene Streeruwitz, deren Nominierung mit „Nachkommen“, einer Buchpreis-Philippika in Romanform, immerhin beweist, dass die diesjährige Jury sich nicht schrecken ließ. Dass allerdings nur fünf Frauen unter den zwanzig Longlist-Autoren sind, darf ebenso verblüffen wie die Tatsache, dass mit der Ausnahme von Droschl, Wallstein, Matthes & Seitz und Residenz nur Verlagsriesen (oder im Falle von Nagel und Kimche die Tochter eines Riesen, Hanser) vertreten sind, und als Kleinverlage dürfen die vier Genannten auch nur gelten, was ihren Umsatz angeht; dass sie herausragende Autoren haben, wussten alle. Aber gab es wirklich kein einziges Programm eines nicht längst etablierten Verlags, in dem eine Entdeckung zu machen gewesen wäre?

          Die Auswahl

          Lukas Bärfuss: Koala (Wallstein, März 2014)
          Ulrike Draesner: Sieben Sprünge vom Rand der Welt (Luchterhand, März 2014)
          Antonio Fian: Das Polykrates-Syndrom (Droschl, Februar 2014)
          Franz Friedrich: Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr (S. Fischer, August 2014)
          Thomas Hettche: Pfaueninsel (Kiepenheuer & Witsch, September 2014)
          Esther Kinsky: Am Fluß (Matthes & Seitz Berlin, August 2014)
          Angelika Klüssendorf: April (Kiepenheuer & Witsch, Februar 2014)
          Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand (Hanser, August 2014)
          Martin Lechner: Kleine Kassa (Residenz, Februar 2014)
          Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling (Suhrkamp, März 2014)
          Charles Lewinsky: Kastelau (Nagel & Kimche, Juli 2014)
          Thomas Melle: 3000 Euro (Rowohlt.Berlin, August 2014)
          Matthias Nawrat: Unternehmer (Rowohlt, März 2014)
          Christoph Poschenrieder: Das Sandkorn (Diogenes, Februar 2014)
          Lutz Seiler: Kruso (Suhrkamp, September 2014)
          Saša Stanišić: Vor dem Fest (Luchterhand, März 2014)
          Heinrich Steinfest: Der Allesforscher (Piper, März 2014)
          Marlene Streeruwitz: Nachkommen (S. Fischer, Juni 2014)
          Feridun Zaimoglu: Isabel (Kiepenheuer & Witsch, Februar 2014)
          Michael Ziegelwagner: Der aufblasbare Kaiser (Rowohlt.Berlin, März 2014)

          Quelle: FAZ.NET

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