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„Librairie Buchladen“ schließt : Abschied von der Rue Burq

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Seit 1968 fanden Verehrer deutschsprachiger Literatur die „Librairie Buchladen“ im Gewusel der Straßen Montmartres. Bild: Reuters

Gisela Kaufmann verabschiedet sich mit ihrer legendären „Librairie Buchladen“. Damit schließt die vorletzte deutsche Buchhandlung in Paris – und ein seit 1968 zum Montmartre gehörender Treffpunkt der Lesenden.

          Es gibt ein paar Beispiele dafür, dass Buchhändler die Fronten gewechselt und, statt Bücher nur zu empfehlen und zu verkaufen, sie selbst verlegt haben. Das Berühmteste ist der Fall der Amerikanerin in Paris, Sylvia Beach, die 1921 James Joyce’ „Ulysses“ herausbrachte, das Meisterwerk, an das sich kein Verlag herantraute. Und was sie dazu brachte, war der Urinstinkt des guten Buchhändlers: einen Text, den man selbst schätzt, an den Leser zu bringen, koste es, was es wolle.

          Achtzig Jahre später gab es wieder eine Buchhändlerin in Paris, diesmal eine deutsche, Gisela Kaufmann, die es ihrer großen Kollegin im Kleinen nachtat: Als immer mehr ihrer Kunden nach meiner Erzählung „Der Kommunist vom Montmartre“ fragten und kein französischer Verlag den Kurzgeschichtenband verlegen wollte, wurde sie kurzerhand selbst aktiv: Johannes Honigmann, der Sohn der Schriftstellerin, übersetzte, Tom de Pékin, ein bekannter Illustrator, schuf das Titelbild, und wenige Monate später begann der Exklusivverkauf des kleinen Büchleins auf dem Tresen der dreißig Quadratmeter großen „Librairie Buchladen“ im Abbesses-Viertel auf dem Montmartre, einer gemütlichen, damals, bevor das Amélie-Poulain-Café die Selfie-Touristen anzuziehen begann, nur von Kiezbewohnern besuchten Ecke. Es war eine typische Gisela-Kaufmann-Aktion: spontan, stur, dickköpfig, idealistisch, pragmatisch und von tiefer Liebe zur Literatur geprägt.

          Horrende Mieten und gehypte Neugründungen

          Dabei war das, was für mich ein Highlight bedeutete, für die Verlegerin nur eben eine Zusatzaufgabe neben dem Tagesgeschäft des Bücherlesens, Empfehlens und Verkaufens, eine kleine Kirsche auf einer ohnehin opulenten Torte der Arbeit. 1988 hatte sie ihren Literaturladen eröffnet und sich auf französische Übersetzungen deutscher Bücher spezialisiert, womit sie vor allem interessierte Einheimische anlocken wollte. Damals hatte andernorts in Paris das Sterben der deutschen Buchhandlungen schon begonnen. „Le Roi des Aulnes“ am Montmartre scheiterte letzendlich am eigenen Snobismus, „Calligrammes“ in Saint-Germain vermutlich an den horrenden Mieten, das Ende von „Marrissal“ am Centre Pompidou gehört ins Kapitel deutsches Buchhandlungssterben, und einige andere, teils auch gehypte Neugründungen der vergangenen Jahre erwiesen sich mangels Kundeninteresse als Totgeburten.

          Nur der winzige Laden in der Rue Burq florierte und floriert bis heute – nun gut: floriert ist vielleicht zu viel gesagt, aber er hält sich, womöglich auch deswegen, weil es Gisela Kaufmann immer gelungen ist, nicht nur das notorische Interesse der Franzosen an Büchern über die NS-Epoche zu befriedigen, sondern ihnen auch Autoren wie Genazino zu verkaufen. Und wer die Franzosen kennt, der wird zugeben, dass eine Buchhändlerin, die sie für die urdeutschen Flaneurs- und Losergeschichten Genazinos interessieren kann, ziemlich viel Genie haben muss.

          Manchmal allerdings geschieht es aber auch solchen Menschen, die, anstatt zu lamentieren, lieber die Ärmel hochkrempeln und handeln, dass die Windmühlen, gegen die sie kämpfen, sich als unbezwingbar erweisen. Kaufmanns Idee, die drei deutschsprachigen Kulturinstitute der Stadt sollten einen Verein gründen, der mit angebotener Hilfe der Stadt Paris eine eigene Buchhandlung eröffnet, in der wiederum die Bücher der geladenen Autoren verkauft und signiert werden könnten, scheiterte an der Trägheit des Amtsschimmels.

          Und nun ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Am 14.Juli geht eine Epoche zu Ende. Gisela Kaufmann ist mittlerweile über siebzig, die Sechzigstundenwochen beginnen ihren Tribut zu fordern, und die Enkel verlangen ihr Recht. Man könnte diese kleine Hommage nun sehr kulturpessimistisch ausklingen lassen mit einem Lamento über das nachlassende Interesse der beiden großen Kulturnationen aneinander und ihrer jeweiligen Literatur. Aber wenn ich die Buchhändlerin vom Montmartre vor mir sehe, dann ist mir nicht nach Pessimismus. Das deutsch-französische Verhältnis war seit jeher eine Sache charismatischer Individuen, die den trägen und unwilligen Rest mitgezogen haben, oft genug gegen seine Vorurteile und seinen Willen. Irgendwo, in Paris, in Berlin, wird jemand auftauchen, der das kostbare Projekt erneuert. Nicht wie sie, aber in ihrem Geist.

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          Michael Kleeberg

          Der Schriftsteller Michael Kleeberg lebte viele Jahre in Paris. Demnächst veröffentlicht er den Roman „Der Idiot des 21. Jahrhunderts: Ein Divan“.

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