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Veröffentlicht: 04.05.2016, 20:58 Uhr

Fanfiction auf der re:publica Wenn wir uns nicht wiederfinden, denken wir es uns eben aus

Hogwarts reloaded: Dumbledore ist schwul, Hermione ist schwarz, und Harry Potter hat etwas mit Snape am Laufen. In der Welt des Fanfiction ist das möglich. Was das mit unserer Realität zu tun hat, erklärt Laurie Penny auf der re:publica.

von Anna Gyapjas
© re:publica/Jan Zappner CC BY 2.0 „Change The Story, Change The World“: Laurie Penny auf der re:publica

Odysseus hat es vorgemacht. Um ein Held zu werden, muss ein Mann seinen Mentor treffen, den Ruf seines abenteuerlichen Schicksals vernehmen, sich erst dagegen wehren, dann ihm nachgeben, Prüfungen bestehen, Schlachten kämpfen, der Vaterfigur begegnen und schließlich die Prinzessin bekommen. Unzählige Blockbuster wie „Star Wars“, „Matrix“, selbst „König der Löwen“ folgen der in Joseph Campbells „The Hero’s Journey“ zusammengefassten Motivkette. Laurie Penny hat kein Problem mit diesen Kassenschlagern. Sie liebt „Matrix“. Nur: „Die Geschichten sind so langweilig. Und die Helden sehen alle gleich aus.“

Mit einem pointierten historischen Abriss erklärt die Journalistin, wie englische Literatur zum Standard westlicher Geschichten wurde. Die größte Erzählung im Britischen Empire? Das Christentum. Der größte Held? Jesus: Mit seiner Demut und Opferbereitschaft sollte er den beherrschten Völkern als Vorbild dienen. In Indien mussten die Kolonialherren strategisch umdenken, denn die Koexistenz vieler Religionen erschwerte es, christliche Werte als Ideal zu etablieren. Also nahm man den Umweg durch die Klassenzimmer. Shakespeare, Dickens und Austen lehrten die Kinder der Beherrschten, wie Storys gestrickt werden und wie Helden aussehen: weiß und männlich.

Doch Laurie Penny ist nicht zur re:publica gekommen, um zu lamentieren. Alternative Geschichten gab es nämlich schon vor vierzig Jahren. „Was in aller Welt läuft zwischen Spock und Kirk?“ Diese Frage trieb Star-Trek-Fans 1977 um: Im Fernsehen wurde sie nie geklärt. Aus unbefriedigter Neugier schrieb Gayle F. „Desert Heat“. Sex oder stirb, lautete darin das Motto für Vulkanier auf einem Wüstenplaneten. Captain Kirk stand gerne zur Verfügung. Seither ranken sich verschiedenste Versionen um bekannte Storys. Laurie Penny kennt sie seit ihren Teenager-Tagen. Im Alter von elf Jahren – sie hatte gerade „Harry Potter“ verschlungen – wartete sie auf den Brief aus Hogwarts. Der blieb zwar aus, dafür entdeckte sie schon bald fanfiction.net. Dort schrieben Liebhaber die Geschichte des Zauberlehrlings fort, je nachdem, was ihnen im Original zu kurz kam: Gefahr, Sex und/oder Tod.

Das Chaos in Form bringen

Dass die Autoren von Fanfiction vornehmlich weiblich sind, ist für die Feministin keine Überraschung: „Geschichten spiegeln oft nicht ihre Erfahrungen. Dass sie nicht repräsentiert sind, frustriert sie.“ Obwohl die Interneteuphorie Anfang des Jahrhunderts auch die Schriftsteller mitgerissen habe, so dass sie konventionelle Erzählkonzepte kurzerhand über Bord warfen: Ihren Reiz hätten traditionelle Geschichten nie verloren: „Wer ihnen folgt, hat ein Mittel, die erschreckende Beliebigkeit des Lebens in eine Form zu bringen.“

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Aus dem Publikum kommt eine Frage, die die Problematik dieses Bedürfnisses illustriert: Fembots, wie sie etwa in „Ex machina“ zu sehen waren. In Hollywood wird die beunruhigende Vorstellung von künstlicher Intelligenz und ihrer Eigenständigkeit in Hollywood von Frauen – eigentlich nur von Scarlett Johannson, wie Penny bemerkt, das Publikum lacht – verkörpert. Auch Entwickler setzen auf Grundeinstellungen mit weiblicher Stimme, und das nicht ohne Grund, glaubt die britische Journalistin: „Wenn wir – und mit wir meine ich vorwiegend die dudes – diese dienstbereiten Kreaturen männlich designten, wir müssten sie wie Personen behandeln.“

Doch bevor Roboter souverän und handlungsfähig werden, müssen es erst einmal die Menschen werden, die in unserer Kultur als Helden unterrepräsentiert sind. Nicht nur Hollywood gibt sich unwillig, althergebrachten Erzählmuster zu überdenken. Im Dezember debattierte man im Netz heftig, als bekannt wurde, dass die Rolle der Hermione Granger im Theaterstück „Harry Potter and The Cursed Child“ am Londoner Palace-Theatre mit der in Swasiland geborenen Schauspielerin Noma Dumezweni besetzt würde. Laurie Penny kann die Wut erklären, die da zutagetrat.

Geschichten als Fenster

Wer an das Privileg gewöhnt sei, als Prototyp des Helden zu gelten, empfindet jede Abweichung davon als Bedrohung. „Drachen, mächtige Flüche, Zaubertränke – all das kann man sich vorstellen“, sagt Laurie Penny. „Aber Hermione als non-white – da versagt die Vorstellungskraft.“ Nicht so bei Fanfiction. Auf der Leinwand hinter Penny prangt unter anderem die Comiczeichnung eines Schulmädchens mit dunkler Hautfarbe. Es ist besagte Hogwarts-Schülerin.

Auch wenn die Alternativdarstellungen nicht die traditionellen Geschichten aufwiegen, wagt Penny auf das große Wiederschreiben der Monomythen zu setzen. Die Generation fanfiction.net sei jetzt im Erwachsenenalter, womit sich auch ihre Einflussmöglichkeiten erweiterten. Penny begrüßt diese Entwicklung nicht nur als bekennender Science-Fiction-Nerd, sondern auch als Aktivistin der Gleichberechtigung: „Wir können nur werden, was wir uns vorstellen können. Und genau jetzt wird unsere Phantasie in verschiedene Richtungen gedehnt.“ Skeptiker mag das vor die Herausforderung stellen, sich mit neuen Helden zu identifizieren. Sie werden sie bewältigen, glaubt Laurie Penny. Denn Geschichten sind nicht nur Spiegel. „Sie sind wie Fenster: Sie lassen dich Welten erleben, die du dir nicht vorstellen konntest.“

Glosse

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Oslo hat eine großartige Oper. Doch was auf dem Programm steht, ist vernichtend: Intriganz, Missgunst, Hoch- und Kleinmut legen den Betrieb lahm. An die Musik scheint niemand zu denken. Mehr 1 0

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