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Lektorin Katharina Raabe : Die osteuropäische Literatur existiert nicht

„Die Autoren wissen: Da sitzt diese Verrückte in Berlin und interessiert sich für uns“: Die Lektorin Katharina Raabe kümmt sich um die Literaturen Osteuropas. Bild: Picture-Alliance

Siebzehn Sprachen, unbekannte Traditionen und ein paar Gestalten, die plötzlich einer großen „kleinen Literatur“ ans Licht verhelfen: Die Lektorin Katharina Raabe spricht über die Schriftsteller Osteuropas, ihre Lage und ihre Übersetzer.

          Sie haben Autoren wie Juri Andruchowytsch, Joanna Bator, Katja Petrowskaja und Andrzej Stasiuk hierzulande einem großen Publikum bekannt gemacht und viele Übersetzungen aus Osteuropa angeregt. Jetzt werden Sie dafür mit dem Deutschen Sprachpreis geehrt. Was zeichnet die Literatur Osteuropas aus?

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Geschichtslast und Geschichtenfülle. Formbewusstsein, Ironie, poetische Intensität als Antwort auf die Unsicherheit des Lebens. In Russland und in den Ländern, die zwischen der Sowjetunion und dem Westen eingekeilt waren, arbeiten sich die Autoren an vielem zugleich ab: an der rasanten Transformation, an den Traumata der Diktatur. Mit meinem Programm wollte ich den Begriff der osteuropäischen Literatur zum Verschwinden bringen. Sie existiert nicht, es gibt nur die siebzehn Sprachen, die unbekannten Traditionen und ein paar Gestalten, die plötzlich einer großen „kleinen Literatur“ ans Licht verhelfen.

          Sie sind von Hause aus Musikerin und haben Violine studiert. Wie kamen Sie zur Literatur? Und woran hat sich Ihre Begeisterung für diese „siebzehn Sprachen“ entzündet?

          Ich bin mit Büchern aufgewachsen. Zu einer Musikerexistenz, wie sie mir vorschwebte, fehlte mir einiges. Entscheidend war die Wende 1989 und die Gründung von Rowohlt Berlin. Der Verlag wollte den Aufbruch in eine neue Epoche begleiten. Dort habe ich mich sofort beworben, drei Jahre später wurde ich genommen. Die ersten Bücher von Imre Kertész und Péter Nádas waren bereits erschienen. Die Lektüre von „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ und „Buch der Erinnerung“ hat mir einen inneren Kompass gegeben.

          Wie kommen Sie auf all die Autoren, die hier oftmals ja noch unbekannt sind, wo entdecken Sie sie?

          Ich halte die Ohren offen. Im Laufe der Jahre ist zwischen Ostsee und Kaukasus ein Netzwerk entstanden. Autoren, Übersetzer, Verleger, Journalisten, Agenten, aber auch viele andere wissen: Da sitzt diese Verrückte in Berlin und interessiert sich für uns. Also bekomme ich sehr viel zugetragen. Das allein genügt aber nicht. Ich muss selbst lesen, mir ein Urteil bilden.

          Man hat den Eindruck, Sie wählten Autoren unter anderem auch danach aus, ob ihre Literatur uns etwas über ihr Land erzählen. Stimmt das?

          Nein, es ist andersherum. Ich suche Autoren, die uns etwas über uns erzählen, aber so, dass wir uns daran erinnern, dass wir eine weit längere, vertracktere Geschichte in uns tragen, als es den Anschein hat. Die Arbeit dieser Autoren muss sich in unsere literarischen Kontexte einfügen lassen. Wenn sie dann noch, wie zum Beispiel die Ukrainer, viel über ihr kaum bekanntes Land zu sagen haben, ist das ein Glücksfall.

          Wie prüfen Sie Übersetzungen, wie finden Sie die geeigneten Übersetzer, die zu der jeweiligen Stimme passen? Sprechen Sie selbst auch Russisch, Ukrainisch, Polnisch?

          Russisch habe ich intensiv gelernt, in vier „meiner“ wichtigsten Sprachen habe ich mir über die Jahre brauchbare Grundkenntnisse erworben. Ohne exzellente Übersetzer wäre unser Programm nicht möglich. Mit manchen arbeite ich seit fast zwanzig Jahren zusammen, oft übersetzen sie jedes Werk „ihres“ Autors. Andere habe ich von ihren ersten Übersetzungen an begleitet. Ich profitiere von den vielen Angeboten, die begabte angehende Übersetzer heute wahrnehmen können.

          Welche Rolle spielen Schriftsteller heute in den Ländern Osteuropas?

          Die gleiche wie bei uns: Sie streuen Sand ins Getriebe, prangern Missstände an. Allerdings riskieren sie mehr. In Russland, Weißrussland, Ungarn werden sie eingeschüchtert und bedroht, wenn sie nicht zur hurrapatriotischen Fraktion gehören. Dass Literatur im Selbstverständigungsprozess der Gesellschaft eine vitale Rolle spielt, spüre ich dort stärker als bei uns: Serhij Zhadan, ein Dichter aus der Ostukraine, ist kürzlich durch dreißig Städte seines Landes gereist. „Die Leute weinen in meinen Lesungen“, erzählte er. In seinen Büchern begegnen sie sich selbst.

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