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Katharina Hacker liest Otto Dov Kulka : In dieser zerborstenen Sprache

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Otto Dov Kulka Bild: Ullstein Bild

Otto Dov Kulka verortet Auschwitz in einem Zusammenhang, der uns mit einschließt, uns unmittelbar angeht. Das macht „Landschaften der Metropole des Todes“ zu einem so wichtigen Buch.

          Diese Lichter, Lichterketten, die am Draht befestigt waren, der sich zwischen den Betonpfeilern spannte, unabsehbar wie die Baracken, diese Lichter, so schreibt Otto Dov Kulka, hatten etwas Bezauberndes. Es waren die Lichter von Auschwitz, die er und seine Mutter aus den Waggons sahen, als sie, aus Theresienstadt kommend, eintrafen und, zum Erstaunen alter Häftlinge, nicht selektiert, sondern insgesamt, als eine Gruppe, in den Block B II b gebracht wurden. Leise schreibt Kulka, seine so zuversichtliche Mutter habe begriffen, dies sei ein Ort, dem man nicht mehr entkommt. Er schreibt, die Nacht sei frisch gewesen, die Lichter lebendig.

          Im Kapitel zuvor erzählt er von seiner Rückkehr nach Auschwitz, 1978, mit dem Taxi von Krakau aus, wohin er geflogen war aus Warschau, wo er einen Kongress besuchte, ein regnerischer Tag war es, und Kulka beschreibt die Stille von Birkenau, die Verödung dieses Lagers, das sich verfallend bis zum Horizont erstreckt. Es gibt ein Foto, von Horizont zu Horizont die Betonpfeiler in einer flachen, toten Landschaft.

          Diese Stille und die leise Art, in der Kulka schreibt und spricht, bilden keinen Kontrast, es wäre zu einfach, die Todesstille zu kontrastieren mit etwas, das leise bleibt und behutsam, jederzeit behutsam. Verstörend ist gerade, wie alles in dem Buch zueinandergehört, nicht in einer Erkenntnis oder Ordnung, sondern auf eine Weise, die eine Grenze ist, allerdings keine Grenz-Linie, sondern ein Raum, in dem wir uns befinden.

          Es hat ein Inhaltsverzeichnis

          Otto Dov Kulka ist 1933 in der Tschechoslowakei geboren, er wurde mit seiner Mutter nach Theresienstadt und im September 1943 von dort weiter nach Auschwitz deportiert, wo sein Vater schon seit 1942 war. Kulka überlebte, er ist Historiker, Professor für die Geschichte des jüdischen Volkes, er hat zur Vernichtung der Juden geforscht, einer seiner Aufsätze ist in dem Buch mit dem Titel „Landschaften der Metropole des Todes“ abgedruckt.

          In den neunziger Jahren hat er Tonbandaufzeichnungen gemacht, er hat darin, anders als sonst je, über die Jahre in Auschwitz gesprochen, über sein Gedächtnis und die Bilder in seinem Gedächtnis und über seine Gedanken.

          Diese Aufzeichnungen bilden den Kern seines Buches, das sorgsam komponiert ist. Auf die Aufzeichnungen folgen drei Kapitel aus Kulkas Tagebüchern, zum Schluss der schon erwähnte Aufsatz „Ghetto im Vernichtungslager: Jüdische Sozialgeschichte zur Zeit des Holocaust und ihre Grenzen“. Das Buch hat, die Anmerkungen eingerechnet, 180 Seiten und ist in der DVA erschienen, unwesentlich nach den englischen und französischen Ausgaben. Es hat ein Inhaltsverzeichnis.

          Dass dieses Buch ein Inhaltsverzeichnis hat, erwähne ich, weil es erstaunlich ist; ein Inhaltsverzeichnis schafft eine Ordnung, es gibt einen Überblick und Hinweise, die dazu dienen, sich den Stoff leichter zu eigen zu machen, man denkt vielleicht, hat man das Inhaltsverzeichnis vor sich und kann für sich repetieren, was jeweils in den Kapiteln geschrieben steht, dass man sich auskennt mit einem Buch.

          Wenn man stirbt, geht das Leben einfach weiter

          Doch Kulka hat ein Buch geschrieben, in dem man sich nicht orientieren kann und das einen Raum öffnet, in dem man, wenn man es gelesen hat, weiterhin leben und nachdenken und empfinden wird. Es ist ein Raum, in dem man nicht verlorengeht, auch wenn man sich nie darin auskennen wird, dazu gibt es zu viele Fragen, zu viele Gedanken, zu viel Schmerz auch, mit dem man nicht abschließt, und eine unablässige Wachheit, die bleibt, lange nachdem man das Buch gelesen hat.

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