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Machtspiele in Frankreich : Nicht abschotten!

  • -Aktualisiert am

Karikaturen französischer Politiker beim Karneval in Nizza Bild: AFP

Nie waren die Grundlagen der Demokratie so angegriffen, nie hat sich unsere Gesellschaft so verwundbar gefühlt: Frankreich muss sich auf eine schwierige Zukunft einstellen. Ein Gastbeitrag.

          Im politischen Leben geht es in Frankreich zu wie in einem Reptiliengehege. Gerät man hinein, kann man nicht sicher sein, heil wieder herauszukommen. Ohne Gegengift stirbt man schnell. Zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen ist das Land instabil und voller Gewalt, und man weiß nicht, wer glorreich aus einer Konfrontation hervorgehen soll, in der alle Protagonisten „Die Kunst des Krieges“ gelesen zu haben scheinen. Kein Tag vergeht, ohne dass eine schmutzige Enthüllung oder persönliche Attacke die politische Landschaft erschüttert, die durch den chaotischen internationalen Kontext ohnehin im Dunkeln liegt. Fassungslos stehen wir vor dem trostlosen Schauspiel unserer am Boden liegenden Demokratien.

          Die französische Schriftstellerin Karine Tuil

          Der Brexit, das unwürdige Desaster in Syrien - das auch unser Desaster ist - und der unerwartete Sieg Donald Trumps haben Ängste erzeugt und die Konflikte dieses Landes, das durch die Terroranschläge erschüttert wurde, wiederaufleben lassen. Doch mit den Ereignissen der letzten Tage könnte sich in Frankreich noch eine ganz andere Wendung ankündigen, die uns vor einigen Monaten noch unmöglich erschien: die Versuchung der Abschottung. Nur wem sollte sie etwas nützen?

          Eine furchteinfößende Hypothese

          Seitdem die Umfragewerte des konservativen Präsidentschaftskandidaten, François Fillon, der nach den Vorwahlen kurz als Favorit galt, wegen seiner Finanzaffäre tief gefallen sind und er aus dem eigenen Lager angegriffen wird, erscheint ein Wahlsieg der Kandidatin des Front National, Marine Le Pen, wie eine glaubwürdige - und furchteinflößende - Hypothese. Nie waren die Grundlagen der Demokratie so angegriffen, nie hat sich unsere Gesellschaft so verwundbar gefühlt: die Unabhängigkeit der Presse ist in Gefahr, Verschwörungstheorien haben Konjunktur, die intellektuellen Debatten verarmen, die Wirtschaft ist in der Krise - Frankreich muss sich auf eine schwierige Zukunft einstellen.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Als Michel Houellebecq in „Unterwerfung“ mit dem imaginierten Sieg einer islamischen Partei in Frankreich Unruhe stiftete, warf die utopistische Linke ihm vor, den Propheten spielen zu wollen. Der überraschende Aufstieg von Benoît Hamon, dem Präsidentschaftskandidaten der Sozialisten, dessen Kritiker ihm vorwerfen, dem radikalen Islam zu sehr entgegenzukommen, lässt jetzt allerdings die Angst jener Wähler aufleben, die sich in dem Modell, das man ihnen nach dem Aus des Präsidenten François Hollande anbieten will, nicht wiederfinden.

          Macron, der „französische Kennedy“

          In dieser Situation kann sich Emmanuel Macron als moderner Kandidat profilieren - als „ ein französischer Kennedy“, wie seine Anhänger ihn sogar nennen, dessen Stärke im unerschütterlichen Vertrauen liegt, bei den Präsidentschaftswahlen tatsächlich eine Chance zu haben, und in seiner untypischen Laufbahn, in der sich zwei Sphären überschneiden. Emmanuel Macron, der sich in der Welt der Wirtschaft genauso wohl fühlt wie in der Welt der Intellektuellen und der Medien, hat einen Sinn für die richtige Gelegenheit. Den ambitionierten Mann, der in der Provinz geboren wurde, von seiner Französischlehrerin, einer zwanzig Jahre älteren Frau, verführt wurde und der nun die französische Hauptstadt erobert hat, umgibt eine romanhafte Aura. Wenn er politische Reden hält, zitiert er Georges Bernanos und René Char und erscheint selbst wie eine Figur aus einem Werk von Balzac oder Stendhal.

          Aber reichen Intellektualität, Tatkraft und ein nicht zu verleugnendes Charisma heute aus, um ein blutleeres Land zu führen? Seit Tagen beschäftigen Finanzaffären und private Anfeindungen einen Großteil der Medien. Doch jenseits der Hauptstadt, in den Enklaven, die die Politik vergessen hat, treibt die Wut die Menschen um und lässt neue soziale Kriege befürchten. In einer Situation der Verunsicherung, in der die Franzosen konkrete politische Lösungen erwarten, antworten Politiker mit bloßen Machtspielen. Wann werden sie sich endlich des dunklen Ausgangs bewusst, der sich jetzt abzeichnet? Denn darum geht es bei den kommenden Wahlen: um unsere Fähigkeit, mit Offenheit auf die Abschottung zu reagieren, mit Modernität auf die Nostalgie, mit Hoffnung auf die Angst.

          Wenn das politische Leben ein Roman ist, dann hat der Roman dieses Landes jeden politischen Anspruch verloren. Narzisstisch und egoistisch ist aus ihm bestenfalls eine kleine Erzählung geworden, die nicht viel will und bei der man, wenn man sie liest, traurig wird.

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