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Immer mehr Verspätung : Höchste Eisenbahn

Kein Mensch glaubt, dass ICEs jemals zu hundert Prozent pünktlich sein können. Aber dass derzeit ein Viertel der Fernzüge verspätet ist, gibt Anlass zur Sorge. Bild: dpa

Heute in geänderter Wagenreihung: Die Deutsche Bahn ist auch deshalb so marode, weil sie von der Politik seit Jahrzehnten systematisch im Stich gelassen wird. Wie das kam und wohin das führt, zeigt Johann-Günther König.

          Sind wir nicht ein Volk von Bahnfahrern? Wenn’s so wäre, hätte dieses Buch nicht geschrieben werden müssen, das sich in zweifach irreführender Weise als „kulturgeschichtliche Reise“ im Untertitel und mit einem historischen Foto vom Münchner Hauptbahnhof in einem mittlerweile in die Jahre gekommenen Genre verortet. Eine Kulturgeschichte des Bahnfahrens, das ist „Pünktlich wie die deutsche Bahn?“ auch. Mit allem, was dazugehört an Nostalgie, Wirtschaftsgeschichte, Rückblicken auf die Anfänge einer der bislang größten Erfindungen der Menschheit, mit vielen langen und teilweise putzigen Zitaten von Autoren wie Hermann Hesse, Thomas Mann, Joseph Roth, Walter Benjamin, Fritz Mauthner bis hin zu Ronja von Rönne. Mit Abstechern auch in die deutsche Kleinstaaterei, in die Geschichte von Holzklasse und Schlafwagen, in den Kampf um Tarife und die Schicksale von Gleisbauern.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Das alles hat Johann-Günther König, Jahrgang 1952, zusammengetragen und solide nacherzählt, mit knapp dreihundert Fußnoten untermauert und mit einem rund sechzig Titel umfassenden Literaturverzeichnis ergänzt. Aber eigentlich geht es ihm um etwas anders, und das kann er auf Seite 84 nicht mehr zurückhalten: Er will die Bahn retten, weil die Politik es nicht tut: „In Deutschland haben die Regierungen im vergangenen Jahrhundert den Staatsbahnbetrieb missbraucht, verraten und, mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft am 1. Januar 1994, im Prinzip verkauft.“

          Negativrekord bei Verspätungen

          Die Bundesrepublik habe in der Nachkriegszeit „mit Vollgas“, die DDR „mit Halbgas“ auf Massenmotorisierung gesetzt und den Straßenbau forciert. Nach Angaben des Autors flossen zwischen 1950 und 1990 allein in der Bundesrepublik 450 Milliarden Mark in den Fernstraßenbau, aber nur 56 Milliarden in den Schienenverkehr. Was dazu geführt hat, dass der motorisierte Individualverkehr überproportional zunahm, wie Zahlen aus dem Jahr 2016 zeigen. Demnach wurden zehnmal so viel Kilometer auf Straßen als auf Schienen zurückgelegt. Und anstatt die Bahn zu stärken, konkurrieren mit ihr rund dreihundertfünfzig privatwirtschaftliche Eisenbahnverkehrsunternehmen – ein Spitzenplatz im internationalen Vergleich. Im gleichen Jahr 2016 investierte der Bund pro Einwohner 64 Euro in die Schieneninfrastruktur. Zum Vergleich: Schweden gab 170, die Schweiz 378 Euro aus.

          Eigentümer der Deutschen Bahn ist der Bund, der – wie unlängst beschlossen – jetzt noch mehr Politiker in den Aufsichtsrat entsenden will. So macht man den Bock zum Bahner, die Hoffnung, dass sich das Unternehmen an den Wünschen seiner Kunden orientieren wird, schwindet. Denn König macht deutlich, wie sehr die Bahn daran vorbeiplant und wie marode viele Bahnhöfe, Züge und Gleise sind. Von knapp fünfeinhalbtausend Personenbahnhöfen betreibt die zuständige Tochtergesellschaft Deutsche Bahn Station & Service AG noch achthundert selbst, Schrumpfung und Rückbau auch bei den Reisezentren, Dauerärger mit Fahrkartenautomaten, verdreckten oder fehlenden Toiletten. Vom aktuellen Negativrekord bei den Verspätungen nicht zu reden.

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