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Veröffentlicht: 05.06.2014, 11:05 Uhr

Friedenspreis für Jaron Lanier Der Technologe als Künstler und Humanist

Er ist einer der entscheidenden Wegbereiter digitaler Entwicklung - und zugleich einer der scharfsinnigsten Kritiker der Machtakkumulation von Geheimdienst und Industrie: Jaron Lanier erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

von , New York
© picture alliance / Karsten Lemm Jaron Lanier

Das ist eine Sensation: Zum ersten Mal erhält ein Repräsentant des digitalen Zeitalters den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Der Informatiker und Schriftsteller Jaron Lanier ist nicht nur einer der Geburtshelfer des Internet. Er ist in den letzten Jahren zugleich einer der scharfsinnigsten Kritiker der Machtakkumulation von Geheimdienst und Industrie geworden. In den Debatten dieser Zeitung zur Überwachungsökonomie des digitalen Zeitalters spielt er als Autor seit Jahren eine wichtige und wirkungsvolle Rolle. Als politisches Signal steht diese Preisvergabe all jenen Friedenspreisträgern nicht nach, die in Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche ausgezeichnet wurden.

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Lanier hat als einer der Ersten überhaupt auf den zutiefst ambivalenten, für Missbrauch anfälligen Charakter hingewiesen, der die schöne neue Welt auszeichnet. Was in Deutschland von interessierter Seite Kulturpessimismus genannt wird, ist nichts anderes als der optimistische Glaube an die Selbstermächtigung des Menschen: Was muss die Gesellschaft, was muss die Politik tun, damit wir unsere Autonomie behalten? Dass dieser Missbrauch über bloßen Datenschutz und auch über Fragen von Konzern-Monopolen weit hinausgeht und, wenn es schlecht läuft und die Politik nichts tut, das Menschenbild verändern wird, ahnte Lanier ebenfalls schon früher als viele andere.

Mehr als ein Internetpionier

Ihn lediglich als Internetpionier abzubuchen könnte einen ganz schön in die Irre führen. Dabei ist Jaron Lanier in der Tat ein Internetpionier, sogar einer der entscheidenden Wegbereiter all der digitalen Entwicklungen, Umwälzungen und Durchbrüche, ohne die wir uns heute nicht mehr im Leben zurechtfänden. Aber was hatte dann dieser kompakt gebaute Mann mit den Dreadlocks, die ihm bis zur Hüfte hinabwallen, auf dem Konzertpodium der New Yorker Society for Ethical Culture zu suchen?

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich ihn dort plötzlich entdeckte, mitten in einer bunten Schar von Musikern, die an elektronischen Instrumenten eines der Schlüsselwerke der Minimal Music, Terry Rileys „In C“, eine Stunde lang anschwellen und abebben, aufblühen und verwelken, hochfahren und niedersausen ließen. Lanier, ein Instrumentalist, auf Tasten ebenso bewandert wie an Mundstücken? Ja, das ist er, doch auch das wäre nur die halbe musikalische Wahrheit, denn er ist zudem Komponist von Stücken in kleiner und großer Besetzung, von Symphonien, Konzerten, Ballett- und Filmmusiken. Auf der Bühne gestanden hat er mit so unterschiedlichen Stars des Musikbetriebs wie Yoko Ono, Ornette Coleman, Philip Glass und Sean Lennon.

Ein Lebenslauf voller Wagnisse

Lange bevor Ground Zero den Ort bezeichnen sollte, wo die beiden Türme des World Trade Center standen, hatte ich ihn erstmals in seinem Loft in Downtown Manhattan besucht, einem prall gefüllten Depot exotischer Streich- und Blasinstrumente. Er saß in dem Raum mit einem massiven Apparat vor den Augen, einer Art Riesenbrille, die ihm, wenn ich mich recht erinnere, als Werkzeug für seine Videoexperimente diente. Lanier galt bereits damals als Popularisierer, wenn nicht Erfinder des Begriffs „Virtuelle Realität“, und mit der Firma VPL Research, die er in den achtziger Jahren mitbegründet hatte, unternahm er Versuche, die zu den ersten Netzwerken mit virtuellen Welten führten, bevölkert von den Avataren der User.

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