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Friedenspreis für Jaron Lanier : Der Technologe als Künstler und Humanist

Technologie, daran zweifelt er bis heute nicht, liefert uns die Werkzeuge, mit denen unser Leben zu verbessern wäre. Aber Technologie allein vermag das nicht. Moralische und ethische Fortschritte müssen hinzukommen. Lanier fordert die Neufassung eines Gesellschaftsvertrags, der den neuen Machtstrukturen Rechnung trägt. Die Konzentration der Macht, wie sie sich bei Google, Facebook und Amazon offenbart, führt er zurück auf ein ungerechtes Tauschgeschäft, das dem User vorgaukelt, für nichts alles zu bekommen, ihn in Wirklichkeit aber ausplündert und vereinnahmt. Er will nicht einsehen, warum die Gesellschaft sich bereit erklären sollte, ihre Daten und ihre Arbeit umsonst herzugeben. Andererseits darf sie Information nicht kostenfrei erwarten. Laniers Lösungsvorschlag besteht in einem Mikrozahlungssystem, das jedem von uns Zugang zum Produkt jedes Anbieters verschaffen würde, für eine verschwindend geringe Gebühr. Die Trennung zwischen intellektueller oder künstlerischer Aktivität und der Wirtschaft wäre damit aufgehoben.

Trotzdem optimistisch

Auf seiner Website versichert er: „Jaron hat keinerlei Social-Media-Konten, und alle angeblichen sind falsch.“ Er prangert als irrig und halluzinatorisch die Auffassung der Freiheit an, alles über jeden zu wissen, zum eigenen Nutzen. „Freiheit ist immer eine Balance von Rechten und Pflichten“, stellt er klar. „Freiheit bedeutet, anderen Leuten den Raum zu geben, frei zu sein.“ Und das heißt bei ihm auch: „Individuen zu sein.“ Wer sich nicht durchringen kann, seinen Mitbürgern diesen Raum zu gewähren, verhält sich undemokratisch. Lanier könnte die Grenzen so nicht klarer ziehen.

„Wir Technologen wollen euch alle neu erfinden“, gesteht er ein. Das Internet ist für ihn jedoch keine Superlebensform, der Mensch keine verkappte Maschine, kein biologischer Computer. Darum auch seine tiefe Skepsis gegenüber der Schwarmintelligenz, die er immer in Gefahr sieht, als Digitalmob zu enden. Im Kollektiv, glaubt er, sei die Strategie, etwas über die reine Zahlenakrobatik hinaus zu verbessern, zum Scheitern verurteilt. Wahre Kreativität traut er nur dem Individuum als Autor, als Schöpfer zu. Für den elementaren Humanismus des Internetpioniers Lanier ist das Recht aufs Vergessenwerden geradezu eine Prämisse. Alles andere wäre ihm Maschinentotalitarismus, digitaler Maoismus.

Die Überwachungsökonomie müsste den Überwachungsstaat zur Folge haben. Und trotzdem ist Jaron Lanier Optimist geblieben. Weil er uns und unsere Gesellschaft für fähig hält, sich nicht nur durch Zwang, sondern in vernünftiger Einsicht zu verändern. Weil er vor allem aber seinen Glauben ans Individuum nicht verloren hat.

Die Preisträger der vergangenen Jahre

2004 Péter Esterházy (ungarischer Schriftsteller)
2005 Orhan Pamuk (türkischer Schriftsteller)
2006 Wolf Lepenies (deutscher Soziologe)
2007 Saul Friedländer (israelischer Historiker und Autor)
2008 Anselm Kiefer (deutscher Maler und Bildhauer)
2009 Claudio Magris (italienischer Schriftsteller)
2010 David Grossman (israelischer Schriftsteller)
2011 Boualem Sansal (algerischer Schriftsteller)
2012 Liao Yiwu (chinesischer Schriftsteller)
2013 Swetlana Alexijewitsch (weißrussische Schriftstellerin)

Quelle: FAZ.NET

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