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Mein liebster Buchladen (4) : Zum Tee mit Turgenjew

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Wenn es Janne Teller zu eng wird in der vertrauten Umgebung Kopenhagens, dann macht sie sich auf den Weg in die Buchhandlung in der Borgergade 14. Bild: Vibeke Toft

Online bestellen geht zwar schnell, doch das wahre Literaturleben spielt sich beim Buchhändler ab. Schriftsteller wissen das und stellen uns ihre Lieblingsbuchhandlung vor: Heute geht es mit Janne Teller nach Kopenhagen.

          Am glücklichsten bin ich, wenn am weitesten fort / Meine Seele ich trag aus ihrer irdischen Hülle, / In windiger Nacht, wenn der Mond mir strahlt / Und das Auge schweift durch Wellen des Lichts.“ Mit diesen Worten beginnt Emily Brontës Gedicht „I’m happiest when most away“. Es beschreibt sehr schön, was ich empfinde, sobald ich die Kopenhagener Buchhandlung „Tranquebar“ betrete.

          Wenn ich eine Weile in Dänemark bin und es mir zu eng wird in der vertrauten Umgebung, in den allzu bekannten Straßen und Geschäften, wenn mir die Selbstzufriedenheit und Bequemlichkeit der Dänen zu viel wir, und vor allem, wenn ich selbst so schwer geworden bin, dass meine Phantasie mich nicht mehr forttragen kann und ich eine Atempause brauche, dann mache ich mich, immer allein, auf den Weg zur Buchhandlung Tranquebar in der Borgergade 14.

          Die Borgergade ist nicht die schönste Straße im Zentrum und auch nicht die hässlichste. Vielleicht ist sie ja genau wegen ihrer Unauffälligkeit so bemerkenswert. Die meisten Häuser sind alt, nicht besonders eindrucksvoll, es gibt ein paar Häuser aus den fünfziger Jahren und aus noch jüngerer Zeit, die für ein paar Sekunden interessant waren, aber das ist schon lange her. Die Straße ist immer vollgeparkt, auch auf dem Mittelstreifen, Autofahrer, die auf der Suche nach einer Parklücke langsam auf und ab fahren, bringen eilige Taxifahrer und die vielen Radfahrer zur Verzweiflung und machen die Fußgänger nervös und unruhig. Schnell, schnell, trag deine Seele fort, betrete den Buchladen, lass dich entführen.

          Lass dich nach Nigeria entführen

          Kaffee, du riechst den Kaffee, ob jetzt gleich zur Einstimmung oder später, ein wunderbarer kolumbianischer Cortado oder samtig zartbitterer Kakao, für Teetrinker gibt es eine reiche Auswahl, indischer Chai für die Abenteurer und natürlich Wein für ganz andere Gaumengenüsse. Ja, jetzt bist du schon unterwegs. Auf dem Tisch vor den Regalen begegnest du Yahya Hassan, dem jüngsten Stern am dänischen Lyrikhimmel, du reist mit Rohinton Mistry nach Indien oder begleitest Marguerite Duras und ihren nordchinesischen Liebhaber. Du kannst dich in der Reiseabteilung umschauen, mit Arthur Rimbaud nach Java fahren, nach Äthiopien und Zypern, oder in die andere Richtung segeln und mexikanisches Kunsthandwerk erlernen, in Kolumbien nach Smaragden suchen, mit den Mayas die Anden besteigen und ein texanisches Rodeo besuchen.

          Füll deine Wasserflaschen, sattle deinen Araberhengst und reite durch die Kalahari. Sieh den Flusspferden im Okavangodelta zu, aber komm den Jungtieren nicht zu nahe, mit der Mutter ist nicht zu spaßen. Halt dir die Ohren zu, wenn du an den donnernden Viktoriafällen stehst und die Farben im Gischtnebel zählst. Beobachte die Elefanten beim Baden im trübbraunen Limpopo, aber hüte dich vor den Krokodilen. Wie du aus der jüngsten Südafrika-Ausgabe des „Lonely Planet“ weißt, den du in der Hand hältst, hat im vergangenen Jahr ein unzufriedener Angestellter einer Krokodilfarm mehr als fünfzehntausend Tiere entkommen lassen, die nun darum wetteifern, wer als Erstes nach dir schnappen wird.

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