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Jane Austens Sidekicks (IV) : Blut ist im Brautschuh

  • -Aktualisiert am

In der „Emma“-Verfilmung von Douglas McGrath spielte Juliet Stevenson 1996 Mrs. Elton, unter den Augen von Alan Cumming als Mr. Elton. Bild: Moviestore Collection/face to face

Emma hat es geahnt: Das Vermögen der auftrumpfenden Pfarrersgattin Mrs. Elton stammt aus dem Sklavenhandel. Durch Herkunft, Verbindungen und Charakter ist sie moralisch korrumpiert.

          Mit „Emma“ hat Jane Austen ihr Meisterwerk als experimentelle Romanschriftstellerin abgeliefert. Eine Titelfigur, die nicht den zeitgenössischen Standards der Aschenputtel-Heldin entspricht, ein Netz aus undurchsichtigen Beziehungen, eine englische Landgemeinde, in der sich die Umbrüche der Moderne andeuten – aus diesen Zutaten entwickelte sie 1815 einen eigenen Erzählstil: Sie entfaltet den Roman fast vollständig aus dem Blickwinkel der Einstellungen, Bewertungen und Vorurteile ihrer ambivalenten, privilegierten Protagonistin und erfindet so die „erlebte Rede“.

          Als einziger Roman nach der Hauptfigur benannt, breitet der Text ein Gewebe von verborgenen Bedeutungen aus, die von den Zeitgenossen entschlüsselt werden konnten: Durch solche Anspielungen werden soziale und politische Themen in die Erzählung einbezogen. So ist das Problem des seit 1807 verbotenen britischen Sklavenhandels in Gestalt von Augusta Hawkins präsent, einer Erbin aus Bristol, die den von Emma Woodhouse verschmähten Ortsgeistlichen Mr. Elton heiratet.

          In dieser Dame hat sich Emma nicht getäuscht

          Ausgerechnet von Mr. Knightley, der seine Nachbarin vor dem Versuch gewarnt hatte, den Pfarrer mit ihrem Schützling Harriet Smith zu verkuppeln, erfährt Emma von dessen Verlobung. Wenig später betritt Augusta Hawkins die Szene „so elegant, wie Spitze und Perlen sie eben machen konnten“, ausgestattet mit Reichtum und dem Anspruch auf eine herausgehobene Stellung in Highbury. Emma, bis dato die unangefochtene Königin in der Landgemeinde vor den Toren Londons, hat nun zwar gesellschaftliche Konkurrenz, doch Mrs. Elton ist kein Neuzugang, der jener intellektuellen Einsamkeit ein Ende setzen könnte, an der die schöne, mit weltlichen Gütern gesegnete junge Frau leidet.

          Im Gegenteil. Emma, durch deren Perspektive die Dame eingeführt wird, ist schon nach einer Viertelstunde davon überzeugt, sie sei eitel, extrem selbstgefällig und aufgeblasen. Sie wolle brillieren und andere ausstechen, dies jedoch mit Umgangsformen aus einer schlechten Schule, so das Urteil der Protagonistin, die mit ihren Einschätzungen von Mr. Elton, Frank Churchill, Mr. Knightley und nicht zuletzt sich selbst häufig danebenliegt. Im Fall von Mrs. Elton jedoch soll sie recht behalten: Die Aufsteigerin von Highbury leistet sich schon beim ersten Besuch in Hartfield einen Fauxpas nach dem anderen und bemerkt es nicht einmal. Sie schwärmt unablässig von Maple Grove, dem Sitz ihres Schwagers, dessen Landauer und Lorbeerhecken, gibt ungefragt Ratschläge zu Mr. Woodhouses Gesundheit, äußert sich herablassend über Mrs. Weston, die engste weibliche Bezugsperson ihrer Gastgeberin, und spricht schließlich plump-vertraulich vom recht vornehmen „Knightley“.

          Das Reformprojekt der Pfarrersfrau

          Emma ist nicht das eigentliche Opfer der betriebsamen Mrs. Elton. Gemeinsam mit ihrem Mann verspottet und beleidigt diese Harriet Smith, doch ihr Drang, Untergebene zu erwerben, trifft vor allem die sanftmütige, mittellose Jane Fairfax. Von Emma nicht beachtet, ist Jane leichte Beute für die machtbewusste Pfarrersfrau, der Janes Wohlergehen wohl auf der Zunge, nicht aber am Herzen liegt. Bei einem Ausflug setzt sie ihr sogar so arg zu, dass Jane die Flucht ergreift, nur um einmal für sich sein zu können.

          Heimlich betrachtet Mrs. Elton wohl ganz Highbury als ihr Reformprojekt, denn da die Gastgeberinnen ohne Eiscreme dem Weltwissen hinterherhinken, wird sie ihnen schon zeigen, wie alles zu sein hat. Ihr auftrumpfendes Verhalten könnte man auch als ein Ablenkungsmanöver verstehen – von ihrer Herkunft und dem Wissen, dass sie eine viel weniger aussichtsreiche Partie als ihre Schwester Selina gemacht hat.

          Denn Augusta Elton, geborene Hawkins, ist die Tochter eines Händlers mit mittelmäßigen Profiten, und Emma geht davon aus, dass „auch sein Handelszweig nur von mittelmäßigem Ansehen war“. Das Vermögen, auf dem Mrs. Eltons Anspruch auf eine gehobene Stellung beruht, besteht aus Gewinnen aus dem Sklavenhandel, wie Sheryl Craig 2015 in ihrem Buch „Jane Austen and the State of the Nation“ darlegte.

          Geburtsort und Geburtsname sind verräterisch

          Darauf deutet nicht nur ihr Mädchenname hin, der gleich dreifach auf bekannte Sklavenhändler anspielt, etwa auf Admiral John Hawkins, der im sechzehnten Jahrhundert als Erster Sklavenhandel im Atlantischen Dreieck von Menschen, Baumwolle und Luxuswaren betrieb und so ein immenses Vermögen anhäufte. Ihre Geburtsstadt Bristol war im achtzehnten Jahrhundert einer der Hauptumschlagplätze für den Sklavenhandel.

          Immer wieder wird darauf angespielt, dass Mrs. Elton allenfalls über ihren angeheirateten Schwager über Beziehungen in die bessere Gesellschaft verfügt, dessen zwei Kutschen „the glory of Miss Hawkins“ ausmachten. Tatsächlich ermöglichte der risikoreiche Sklavenhandel auch unteren Schichten den sozialen Aufstieg. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Emma“ war er bereits verpönt, und Frauen, die wie die Schriftstellerin Hannah More für die Abschaffung eintraten, galten in positivem Sinne als Gewissen der Nation. Offene Kritik an der Aufhebung der Sklaverei war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr akzeptabel.

          Der Handel mit den Gouvernanten

          Das weiß auch Mrs. Elton. Als sie Jane Fairfax bedrängt, möglichst bald eine Stelle als Gouvernante anzutreten, und ungebeten die Rolle der Vermittlerin übernimmt, vergleicht Jane die Situation der Hauslehrerinnen mit der von Sklaven und spricht vom Handel mit Intellekt statt mit Körperkraft. Diese Anspielung macht Mrs. Elton, sonst sensibel wie eine Dampfmaschine, so hellhörig, dass man vermuten darf, der Kritik am Sklavenhandel begegne sie nicht zum ersten Mal. Und so lässt sie durchblicken, der vielgerühmte Mr. Suckling, Besitzer von Maple Grove, sei eigentlich ein Freund der Abolition. Die Haltung ihrer eigenen Familie indes verschweigt sie, als Jane die Schuld der Sklavenhändler und das Elend der Sklaven erwähnt.

          Mrs. Elton ist durch Herkunft, Verbindungen und Charakter moralisch korrumpiert: Ihre Prahlerei mit dem Hausstand ihrer Schwester, ihre Härte gegenüber Jane Fairfax und Harriet Smith erinnern an jene Passagen von „The Theory of Moral Sentiments“, in denen Adam Smith den Habitus von Leuten kritisiert, die nach der Bewunderung von Reichen und Berühmten statt von Weisen und Rechtschaffenen streben und die Armen verachten. Um die Benachteiligten ihrer neuen Gemeinde will sich die Pfarrersgattin auch nur ungern kümmern, sie gibt sogar zu verstehen, dass Mr. Elton seine Schäfchen, die ihn finanzieren, als Plage betrachtet.

          In „Emma“, so im November 2015 die Diskutanten der wunderbaren Serie „In Our Time“ von BBC Radio 4, heiraten alle die Richtigen. Was die Heldin des Romans betrifft, so könnte man darüber durchaus diskutieren, doch in Mrs. Elton und ihrem „caro sposo“ haben sich Kleinmut, Großsprecherei, Selbstüberschätzung, Herablassung und Humorlosigkeit so perfekt vereint, dass es die Leserin schaudert.

          Jane Austens Sidekicks

          Die Nebenfiguren in den Romanen von Jane Austen sorgen nicht nur für komische Erleichterung im romantischen Plot. In diesen markanten Charakteren charakterisiert Austen zugleich ihre Zeit. Eine Feuilleton-Serie zum 200. Todestag der Schriftstellerin.

          Quelle: F.A.Z.

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