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Veröffentlicht: 07.07.2017, 12:41 Uhr

Jane Austens Sidekicks (I) Mr. Palmer geht nach Westminster

Die Liebe macht sich frei von sozialen Vorurteilen: Soweit der Plot jedes Romans von Jane Austen. Emanzipieren sich die Heldinnen auch von der Ansicht, Politik sei eine Charakterfrage?

von Christina Dongowski
© ddp Images Ein kluger Kopf? Hugh Laurie spielte Mr. Palmer in Ang Lees Verfilmung von „Sense and Sensibility“.

„Sense and Sensibility“ („Verstand und Gefühl“), der erste veröffentlichte Roman Jane Austens, kreist um die sozialen und emotionalen Dynamiken einer Gesellschaft, in der durch die Familie vermittelter gesellschaftlicher Rang und ökonomischer Status auseinandertreten. Unverheiratete Frauen mit unsicherer Existenzgrundlage bilden seinen Mittelpunkt. Mit ganz unterschiedlichen Strategien versuchen sie, den eigenen Status per Heirat zu stabilisieren oder zu verbessern: die neue Gefühlskultur empfindsamer und proto-romantischer Schwärmerei bei Marianne Dashwood, Elinors wohltemperierte Bürgerlichkeit der guten Hausfrau oder Lucy Steeles kühles Kalkulieren und Ausnutzen der Chancen, die sich ihr durch die gesellschaftliche Dynamik bieten.

Während die Frauen des Romans fast nur Heirat und Familie im Kopf haben müssen, haben die männlichen Figuren Themen jenseits davon. Sie teilen, wie Colonel Brandon und Sir John Middleton eine gemeinsame militärische Vergangenheit, machen Geschäfte miteinander – und Politik. Von alldem erfährt die Leserin nur, wenn sie aufmerksam bleibt. Denn vor den Ohren der Damen, geschweige denn mit ihnen, spricht man darüber nicht. So kann man leicht überlesen, dass der zwischen Schweigsamkeit und Unhöflichkeiten wechselnde Thomas Palmer, Esq., etwas im Austen-Kosmos relativ Einzigartiges ist: ein aktiver Politiker. Palmer befindet sich gerade in seinem Wahlkreis in Somerset im Wahlkampf, wie man von seiner Frau, der endlos plappernden, immer gutgelaunten und hübschen Mrs. Palmer, erfährt: „denn Mr. Palmer ist immer unterwegs und macht Wahlpropaganda. Es kommen so viele Leute zu uns, die ich noch nie gesehen habe, es ist ganz herrlich! Aber für ihn ist es sehr anstrengend – der arme Kerl! Er ist ja gezwungen, sich bei allen Leuten beliebt zu machen.“

Der Ehemann regiert durch Ironie

Dass sich Mr. Palmer damit schwertut, glaubt man sofort, wenn man ihn näher kennenlernt. Sein städtischer, weltläufiger Habitus steht in starkem Kontrast zu seinem Verhalten am familiären Teetisch. Auf Äußerungen seiner Frau reagiert Palmer gereizt, er ignoriert sie ganz oder ironisiert sie. Ihrer Familie, Sir John und Lady Middleton sowie Mrs. Jennings, seiner Schwiegermutter, tritt er ähnlich ungnädig entgegen. Mit seiner ostentativen Zeitungslektüre während familiärer Zusammenkünfte markiert Palmer seine Besonderheit, quasi seine eigene individuelle politische Sphäre, unübersehbar – und für die Frauen in gewisser Weise auch unerreichbar.

 
Er regiert seine Gattin durch Ironie: Mr. Palmer, Parlamentskandidat in „Verstand und Gefühl“.
 
Für wen stimmt Willoughby? Christina Dongowski deckt Jane Austens Wahlgeheimnis auf.
 
Witzig, aufdringlich, unbelehrbar: Eine Porträtserie über die Nebenfiguren von Jane Austen.

Ausgerechnet am narrativen Wendepunkt des Romans, als Marianne Dashwood sich und ihre Familie durch ihre Romanze mit dem Mädchenverführer Willoughby in eine ihr Leben und die gesellschaftliche Respektabilität der Familie bedrohende Situation bringt, zeigt sich Palmer als außergewöhnlich großmütig und zuvorkommend. Für einen ganz kurzen Moment lässt die Erzählerin Thomas Palmer sogar als möglichen Konkurrenten von Edward Ferrars erscheinen, dem ungeschickten Love Interest von Elinor Dashwood.

Pitt gegen Fox

Auch wenn der Roman 1811 veröffentlicht wurde, setzten die meisten Austen-Forscher den Handlungszeitraum in die neunziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts, den Zeitraum der Erst- und Zweitfassung. Das politische Feld, in dem sich Mr. Palmer bewegt, lässt sich damit als die Zeit der Auseinandersetzung zwischen der Regierung Pitts des Jüngeren und der von Charles James Fox geführten Opposition rekonstruieren: William Pitt, 1783 selbst als liberaler Reformer angetreten, steht eine Opposition gegenüber, die in Reaktion auf die Französische Revolution sehr viel weitergehende Reformen fordert. Aus Protest gegen Repressionsmaßnahmen der Regierung wie der zeitweiligen Aussetzung des Habeas-Corpus-Gesetzes boykottiert Fox mit vielen seiner Fraktionsfreunde die Parlamentssitzungen und macht so etwas wie außerparlamentarische Opposition in den Salons und Clubs in London.

Bei Austen werden aus den politischen Parteiungen Charakterfragen: die auf Einhaltung der sozialen Normen ihres Standes haltenden Gentlemen wie Thomas Palmer und Colonel Brandon werden kontrastiert mit dem „Rogue“ John Willoughby, dem Verehrer Marianne Dashwoods. Austen greift damit eine Form der Auseinandersetzung auf, wie sie der politische Diskurs bereits selbst vorgab: Der politische Konflikt zwischen den Pitt-Anhängern und den Radikalen mit Fox an der Spitze wurden flankiert von einer Medienschlacht, in der man sich gegenseitig des Schlimmsten bezichtigte: Pitt und König Georg III. wurden autoritäre, anti-parlamentarische Bestrebungen vorgeworfen, der Premier wurde als hochmütiger Verächter des gemeinen Mannes bezichtigt; die Radikalen wurden als moralisch völlig verkommene Bande von Libertins denunziert – Verführer unschuldiger Frauen, Spieler, Säufer und gottlose Atheisten. Fox, dessen Lebenswandel es seinen Kritikern leichtmachte, wurde so zu einer der am häufigsten karikierten Gestalten des achtzehnten Jahrhunderts.

Opposition geht gar nicht

In genau diesen moralisch und politisch dubiosen Kreisen bewegt sich John Willoughby. Das ist der im Roman nur angedeutete Grund, warum es auch keine gesellschaftlichen Kontakte zwischen den Palmers und Willoughby gibt, obwohl sie Nachbarn in Somersetshire sind, wie Mrs. Palmer bedauernd feststellt: „Sie müssen wissen, er ist in der Opposition.“ Vor diesem Hintergrund erhält auch Mr. Palmers überraschend heftiger Kommentar zu Willoughbys Haus in Combe Magna seine Bedeutung: „As vile a spot as I ever saw in my life“.

Palmer macht damit keinen ästhetischen Kommentar zum Haus, wie die Zuhörerinnen glauben, sondern thematisiert als Erster den moralisch fragwürdigen Charakter Willoughbys. Denn „vile“ bedeutet nicht einfach „hässlich, unschön“, sondern ist eine ethisch-ästhetische Bewertung. Wie die englische Moralphilosophie den Gentleman lehrt, macht unmoralisches Verhalten hässlich, aber wer das Schöne wirklich versteht, wird auch gut und ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Wir müssen uns Mr. Palmer als Mitglied der Regierungsfraktion vorstellen.

Jane Austens Sidekicks

Die Nebenfiguren in den Romanen von Jane Austen sorgen nicht nur für komische Erleichterung im romantischen Plot. In diesen markanten Charakteren charakterisiert Austen zugleich ihre Zeit. Eine Feuilleton-Serie zum 200. Todestag der Schriftstellerin.

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