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Veröffentlicht: 19.08.2016, 13:22 Uhr

Sufismus Der größte Feind des islamischen Extremismus

Undogmatisch, friedfertig, künstlerisch: Der Sufismus ist ein Gegenmittel zu Gewalt und Engstirnigkeit der Orthodoxie. Warum der Westen die noch vielerorts lebhaften Traditionen unterstützen und fördern sollte.

von Ilija Trojanow
© AP Einer der vielen Sufis, die Opfer radikalislamischer Gewalt geworden sind: Der Sänger Amjad Sabri wurde am 22. Juni 2016 im pakistanischen Karachi ermordet, in der Woche danach dieses Wandbild gemalt.

In der schönen Moschee Shah-i-Hamadan von Srinagar im Kaschmir, erklang der Gebetsaufruf. Wir wollten uns gerade zurückziehen, als uns ein älterer Mann zum Bleiben aufforderte. Wir könnten uns in einem hinteren Teil des Raums hinsetzen und so beten, wie uns gefiel. Er vermutete in mir einen Christen, in meinem Begleiter, dem indischen Dichter Ranjit Hoskote, einen Hindu. Im Schneidersitz meditierte ein jeder von uns nach eigener Fasson, während vor uns die Wogen der Gläubigen den Tiden des Nachmittagsgebets folgten. Gewiss, eine solche Einladung ist nicht die Norm und auch nicht die Regel - diese lautet eher: Zugang nur für Muslime und Männer -, aber sie ist auch keine seltene Ausnahme, sondern Ausdruck einer vielfältigen Tradition in der islamischen Welt, die unter dem Begriff „Sufismus“ so mühsam unterzubringen ist wie struppiges Haar unter einer Gebetskappe.

Moslems in Kaschmir © Picture-Alliance Vergrößern Ein Kuss für die eiserne Kette: Mutter und Tochter am Eingang der Moschee Shah-i-Hamadan in Srinagar

Wer in islamischen Ländern reist, wird von ähnlichen Erfahrungen berichten können, von durch eine gemeinsame ästhetische und spirituelle Erfahrung geprägten Begegnungen: Sei es in Omdurman, jenseits des Nils von Khartum, nach dem Freitagsgebet oder während Mawlid, dem Geburtstag Mohammeds, auf den Straßen von Alt-Sansibar, beim Qawwali-Gesang an den Grabstätten von Sufi-Heiligen in Indien und Pakistan oder aber in Timbuktu, beim Dhikr, jener meditativen, bis zur Ekstase gesteigerten Rhythmisierung gewisser Glaubenssätze. Und wer die Moscheen und Medressen besucht, die Dichter und Denker zu Rate zieht, seine Ohren der Gnawa- und Ghazal-Musik öffnet, der wird Schwierigkeiten haben, die hässliche Fratze des islamischen Fanatismus mit diesem Reichtum in Einklang zu bringen.

Eine gefährliche Behauptung

Zumal der Sufismus nicht nur die großen kulturellen Leistungen der islamischen Geschichte hervorgebracht hat, sondern als antidogmatische, individuelle Sinnsuche immer wieder Friedfertigkeit verkündet sowie praktiziert. In den Worten von Rahman Baba, der „Nachtigall“ von Peshawar: „Ich bin ein Liebender, und handele in Liebe. Sät Blumen / damit aus euren Höfen Gärten werden. / Sät Dornen nicht, sie werden eure Füße stechen. / Wir sind alle ein Körper / wer anderen Schmerz zufügt, verletzt sich selbst.“

Tansania: Sansibar - Übersicht © Picture-Alliance Vergrößern Blick über die Dächer von Sansibar

Die sufistischen Meister haben bei aller pluralistischen Differenz stets betont, dass Wissen sich ewig verändert und wandelt und die wahre Natur der Realität hinter dem Sichtbaren zu suchen ist, hinter den herrschenden Annahmen, Urteilen und Regeln. Eine unideologischere Haltung kann man sich kaum vorstellen. Passend dazu die intellektuelle Waffe des Humors, anhand der Lehrgeschichten des Schelms Nasreddin Hodscha etwa, der eines Tages gefragt wurde, wie sein religiöses Dogma laute. „Das hängt davon ab“, antwortete er, „welche Häretiker gerade an der Macht sind.“

Nun müsste man annehmen, dass wir als Gegenmittel zur Gewalt und Engstirnigkeit orthodoxer Strömungen stärker an sufistische Traditionen anknüpfen könnten. Weit gefehlt. In diesen aufgeheizten Zeiten soll es auch dem Sufismus an den unaufgeklärten Kragen gehen. „Falsche Fluchten“, titelte die „Süddeutsche Zeitung“ kürzlich und postulierte: „Der Sufismus, die islamische Mystik, gilt im Westen als der liberale, der friedliche, der kulturell anschlussfähige Islam. Was für ein Missverständnis.“ Abgesehen vom technokratischen Unwort „anschlussfähig“, ist diese Behauptung nicht nur falsch, sie ist angesichts der gegenwärtigen Situation gefährlich.

Ein Rundumschlag gegen den Sufismus

Autor des Artikels war Stefan Weidner, ein angesehener Übersetzer aus dem Arabischen, unter anderem so bedeutender Lyriker wie Adonis und Mahmud Derwisch, kraft seiner Tätigkeit also ein Vermittler. Umso verstörender, dass er die Zeit für gekommen hält, die Brückenbauer zwischen dem Westen und dem Sufismus, von Goethe bis zur Gegenwart, einer naiven einseitigen Wahrnehmung zu bezichtigen und indirekt zu diskreditieren.

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