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Veröffentlicht: 19.08.2016, 13:22 Uhr

Sufismus Der größte Feind des islamischen Extremismus


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APTOPIX Mideast Sudan Daily Life © Picture-Alliance Vergrößern Am Grab von Scheich Hamed al Nil in Omdurman

Der Sufismus sei weder weltabgewandt noch machtscheu, erklärt Weidner anhand einiger historischer Beispiele, die Heiligenverehrung müsse „jedem aufgeklärten Menschen als Aberglauben gelten“. Wer sich mit dem Sufismus beschäftige, so schließt sein Rundumschlag, müsse sich die Frage gefallen lassen: „Findet hier noch ein echter Dialog mit der mystischen Tradition statt, oder dient diese nur dazu, den eigenen labilen Seelenhaushalt auszuschmücken oder auch zu stabilisieren, ohne ansonsten ernsthafte Konsequenzen für Lebensführung und Weltsicht zu zeitigen?“

Ein Vernichtungsfeldzug gegen populäre Kultur

Sympathie mit dem Sufismus? Höchstens als dubiose therapeutische Maßnahme. Das könnte als feuilletonistische Geplänkel abgetan werden, wären davon nicht zentrale Fragen des Widerstands gegen Terrorismus und Fanatismus betroffen. Als psychisch durchaus stabiler, namentlich erwähnter Brückenbauer stellt sich für mich eher die Frage, wie es angesichts der grassierenden Ratlosigkeit um den Seelenhaushalt des Westens bestellt ist. Denn gerade die Unterstützung des Sufismus wäre ein sinnvoller, konkreter Lösungsansatz, im Gegensatz zum Poltern der sogenannten Islamkritiker, die in selbstgefällig antagonistischer Sprache die Wehrhaftigkeit des Abendlands einfordern, ohne praktische Vorschläge zu offerieren.

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Der Sufismus ist der Hauptfeind des islamischen Fanatismus. Der Kampf gegen die „Andersgläubigen“ wird nicht annähernd so brutal, so eliminatorisch geführt wie der Krieg gegen die inneren Feinde. Seit Jahren vergeht kaum eine Woche ohne einen Anschlag auf ein sufistisches Grabmal oder Fest, einen Mord an einer herausragenden Persönlichkeit. Die Zerstörung der gewaltigen Buddha-Statue in Bamian oder der antiken Ruinen in Palmyra erhalten bei uns erheblich mehr mediale Aufmerksamkeit als die regelmäßigen Verwüstungen von Sufi-Heiligtümern. In Tripolis etwa wurde der Schrein der hochverehrten al Shaab al Dahmani von Extremisten dem Erdboden gleichgemacht. In Pakistan tötete eine Bombe am Sakhi-Sarkar-Schrein 41 Pilger. Die sudanesische Regierung mordet in Darfur nicht nur Christen und Animisten, sondern auch die dunkelhäutigen Sufis. Selbstmordattacken im Irak richten sich oft gegen Sufi-Zentren. Iran verhaftet regelmäßig Mystiker des Gonabadi-Nimatullahi-Ordens, weil diese unverblümt die Theokratie kritisieren.

Sunni salafists destroy Sufi shrine in Tripoli © Picture-Alliance Vergrößern Zerstörung des Schreins des Hochverehrten al Shaab al Dahmani in Tripolis im August 2012

Und erst vor wenigen Wochen wurde einer der herausragenden Musiker Pakistans, Amjad Sabri, Spross einer legendären Musikerfamilie, in Karachi in seinem Wagen von einem Motorradfahrer erschossen. Die Koalition aus Dschihadisten und ultrakonservativem Ulema führt in Pakistan einen Vernichtungsfeldzug gegen populäre Kultur, die im Wesentlichen sufistisch geprägt ist: Anschläge auf Theater, Film- und Musikläden, Attentate gegen Künstler, vor allem Musiker. Mit jedem Anschlag, so der Menschenrechtsaktivist Ali Dayan Hasan, verwandele sich Pakistan in eine wahhabisch-salafistische Ödnis.

Natürliche Verbündete freiheitlichen Denkens

Der demagogische Begriff vom „Kampf der Kulturen“ hat zu einem Missverständnis geführt. In Wirklichkeit erleben wir einen „Krieg gegen die Kulturen“, denn Wahhabismus, Salafismus, Terrorismus sind gänzlich kulturfeindlich. Ganze Kunstgattungen sind Sünde: Musik, Tanz und weltliche Poesie gelten als haraam (verboten), gegenständliche Skulpturen und Bilder als shirk (Götzendienst). Nichts hat den existentiellen Konflikt zwischen Salafismus und Sufismus klarer vor Augen geführt als die Eroberung Timbuktus im Jahr 2012 durch Kämpfer aus Libyen. In Timbuktu, einem Ort vieler Verschmelzungen und Vermischungen, zerstörten sie im Laufe einer mehrere Monate währenden Schreckensherrschaft viele der Kulturstätten, terrorisierten die Bevölkerung.

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