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Londoner Buchmesse : Bücher, die uns formten

Auf der Londoner Buchmesse treffen 1.600 Aussteller auf 25.000 Besucher. Bild: EPA/REX/Shutterstock

1600 Aussteller, 25.000 Besucher und die Unsicherheit, wo es mit der Buchbranche hingehen wird: Auf der Londoner Buchmesse werden Identitätsfragen gestellt.

          Das Enkelkind entwickelt sich zufriedenstellend. Das findet jedenfalls seine Nanny. Jacks Thomas, die Chefin der London Book Fair, spricht gern vom „Großvater Frankfurt“, wenn sie gefragt wird, worin sich die Londoner Buchmesse hauptsächlich von jener in Frankfurt unterscheide. Das Enkelkind ist eine reine Geschäftsmesse, und daran soll sich auch nach siebenundvierzig Ausgaben nichts ändern. Anders als in Frankfurt nimmt die Stadt vom Messegeschehen keine Notiz, übersieht, dass für drei Tage das Tor zur englischsprachigen Buchwelt in den Kensingtoner Olympia-Hallen geöffnet ist. Anders als in Leipzig gibt es kein Lesefestival, kaum Garnitur. Die 1600 Aussteller aus aller Welt bleiben mit ihren 25.000 Besuchern am liebsten unter sich. „Wir haben immer wieder angeboten, in der Stadt ein Literaturfestival zu organisieren, aber unsere Kunden haben kein Interesse: Keiner will Publikum“, sagt Thomas im Gespräch mit dieser Zeitung.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Auf Autoren stößt man hier natürlich trotzdem, und das Interesse an neuen Namen ist ebenso groß wie das an etablierten Marken. Lange bevor die auch in Deutschland erfolgreiche Jojo Moyes vor ihr Publikum tritt, sind alle Plätze belegt, aber auch Debütantinnen locken viele Zuhörer. So wie eine Veranstaltung, bei der Sachbuch-Übersetzerinnen aus ihrem Arbeitsleben berichten – darunter eine, die Peter Wohllebens „Das geheime Leben der Bäume“ als „Herausforderung“ beschreibt. Ob der Zulauf den Umstand kompensiert, dass englische und amerikanische Verlage im Vergleich zur hiesigen Verlagslandschaft traditionell sehr wenig ausländische Literatur übersetzen?

          Die Nerven liegen blank

          Fluch und Segen des Empire: Noch ist auch die Publishers Association (PA) offenbar der Auffassung, das Leben zwischen zwei Buchdeckeln spiele sich weltweit ohnehin auf Englisch ab. Der Verlegerverband fühlte sich angesichts kommender Dinge – in einem Jahr wird der Austritt des Landes aus der EU schon erfolgt sein – bemüßigt, sich mit einem Zehn-Punkte-Katalog Mut zu machen. Das Papier strotzt einerseits vor Unverbindlichkeiten („Zugang zu globalen Talenten und Ideen erhalten“, „Bekenntnis zur freien Rede“), kapriziert sich aber gleichzeitig selbstbewusst auf die Aussage, Britannien sei in den letzten dreihundert Jahren der „Weltverleger“ gewesen.

          „Von ,Jane Eyre‘ zu ,Harry Potter‘ und von ,Der Ursprung der Arten‘ bis zu ,Eine kurze Geschichte der Zeit‘ haben in Britannien veröffentlichte Bücher geholfen, unsere nationale Identität und die Art und Weise, wie die Welt uns sieht, zu formen“, ließ sich PA-Vorsitzender Stephen Lotinga vernehmen. Die Nerven liegen offenbar blank angesichts der großen Unsicherheit, was nun werden wird – aber das ist kein Alleinstellungsmerkmal der Buchbranche.

          Eine nicht ganz überraschende Meldung machte passend zur Messe die Runde: dass die Leser im Vereinigten Königreich am liebsten Krimis läsen. Da kam eine Gesprächsrunde gerade recht, die die Erfolgswelle des Genres im nördlichsten Landesteil zu deuten suchte. Die Autoren Denise Mina und Doug Johnstone unterhielten sich mit der Saraband-Verlegerin Sara Hunt (in deren Verlag Graeme Macrae Burnet entdeckt wurde) über die Vorzüge des „Tartan Noir“ und priesen unisono Krimileser und -autoren als eine einzige große Familie, die sich schrecklich lieb habe. Alle unterstützten einander, für alle gebe es genügend Platz, so Denise Mina. Heile Welt also in Schottland, zum Glück nicht in den Krimis, die dort geschrieben werden.

          Wenn das Scheckbuch locker sitzt

          Alle aber eint der Traum, den amerikanischen Markt zu erobern. Und auch wenn dessen Türwächter selbst nicht da war, ein Fake-Trump war im Angebot, nebst einem Nachbau des ovalen Büros – weil ein Buch seine teuren Schatten vorauswirft. Am 4. Juni veröffentlicht der Bestseller-Autor James Patterson zusammen mit dem früheren Präsidenten Bill Clinton den Thriller „The President Is Missing“, dessen Plot die Golfpartner gemeinsam ersonnen haben. Millionenvorschüsse sind in diesem Fall eine Selbstverständlichkeit, aber auch in anderen Bietergefechten scheint das Scheckbuch längst wieder locker zu sitzen. Und das, obwohl man bei hintergründigen Gesprächen den Eindruck gewinnt, es wehe ein eisiger Hauch durch die Branche, den auch deutsche Verlage längst spüren.

          Die Entwicklung, dass sich immer mehr Umsatz auf einige wenige Titel konzentriert, schreitet unaufhaltsam voran. Noch machen die großen Verlagskonglomerate klar, wo der Hammer hängt: Wer durch den Haupteingang die Messe betritt, trifft als Erstes auf Harper Collins und gegenüber auf Penguin Random House. Der Präsidenten-Thriller erscheint freilich bei einem Imprint des Konkurrenten Hachette. „It’s the economy, stupid“ – der Spruch aus Clintons Wahlkampagne 1992 gilt auch hier.

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