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Veröffentlicht: 13.06.2017, 11:57 Uhr

Historiker Robert Gerwarth Eine „Ost-Erweiterung“ in der Deutungsgeschichte dieses Krieges


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Am Beispiel Polens lässt sich zeigen, wie wenig die Garantien der Siegermächte angesichts eines Großraums zerfallender Imperien der Realität standhielten. Kurz vor dem Ende des Krieges war Frankreich für die polnische Unabhängigkeit eingetreten, und im dreizehnten seiner vierzehn Punkte hatte der amerikanische Präsident Wilson einem von polnischer Bevölkerung bewohnten Polen „freien und sicheren Zugang zur See“ versprochen. An der Ostseeküste jedoch gab es eine zahlreiche deutsche Bevölkerung. In den drei Jahren nach dem Ersten Weltkrieg verharrte Polen, wie Gerwarth schreibt, „in einem Zustand permanenten (erklärten oder nichterklärten) Krieges gegen Russen, Ukrainer und Weißrussen im Osten, Litauer im Norden, Deutsche im Westen, Tschechen im Süden sowie ,innere Feinde‘ – sprich Juden – auf dem bereits von Polen kontrollierten Territorium.“ Dass die Polen auch untereinander gespalten waren, macht die Geschichte nur noch gewalttätiger.

Deshalb hat sich der Schwerpunkt der Forschung in den letzten Jahren verschoben. Man könnte in der Deutungsgeschichte dieses Krieges auch von einer „Ost-Erweiterung“ sprechen. Gerwarths Buch zeichnet mit enormem Überblick und unter Auswertung entlegener, besonders ost- und südosteuropäischer Quellen, die Gewaltlinien nach, die sich durch die Bildung neuer Nationen in den Kontinent graben.

Eine existentielle Gewaltform setzt sich durch

Das im Krieg neutral gebliebene Finnland etwa versinkt Anfang 1918 in einem Bürgerkrieg, der ein Prozent der Bevölkerung das Leben kostet. Die russische Revolution setzt Brandherde in die sich emanzipierenden Nachbarländer – Russen und Tschechen metzeln sich gegenseitig nieder. Die inneren Unruhen Bulgariens schon während des Krieges steigern sich im Sommer 1918 zu Revolten und Massentötungen. Arbeitskämpfe und Polizeigewalt schütteln die junge Weimarer Republik. Der Dichter Gabriele D’Annunzio, ein Gewaltphantast der frühen Stunde, besetzt eigenmächtig die Stadt Fiume, das heutige Rijeka in Kroatien. Der Aufstieg Mussolinis beginnt. Wie Hitler lernt der Duce von Kemal Atatürk, der den Planungen der Siegermächte trotzt, in Kategorien von ethnischer Homogenität zu denken. Und immer wieder ereignen sich fürchterliche Massaker wie 1922 in der Hafenstadt Smyrna, in der griechische Christen und türkische Muslime sich zu Tausenden niedermachen.

46751042 © Privat Vergrößern Robert Gerwarth

Wie konnte es so weit kommen? Genau diese Frage beschäftigt den Kriegsforscher, der sich durch seine vorangegangene Heydrich-Biographie (2011) gleichsam abgehärtet und den Blick „kalter Empathie“ eingeübt hat. „Eine existentielle Gewaltform setzt sich durch“, sagt Gerwarth. Natürlich habe es auch im Krieg schon Massenvernichtung von Zivilisten gegeben, aber sie sei nicht die Norm gewesen. Der Erste Weltkrieg war bei aller entfesselten Vernichtungskraft immer noch ein Staatenkrieg. „Dann, nach dem 11. November 1918, gehen Millionen und Abermillionen von Kombattanten nach Hause. Das versuchen Sie mal zwei Jahre später im Russischen Bürgerkrieg! Jetzt geht es darum, bestimmte Bevölkerungsgruppen, ethnische oder religiöse Minderheiten zu vernichten. Sie haben keinen Platz mehr in den neuen utopischen Vorstellungen der Gesellschaft.“

Eine Geschichte gegen Geschichtsvergessenheit

In mancherlei Beziehung bestimmt dieser ausschließende Nationalismus den Rest des Jahrhunderts. Deshalb hebt Gerwarth an den Pariser Vorortverträgen den Minderheitenschutz hervor, allen Widersprüchen zum Trotz. In den Lausanner Schutzverträgen von 1923 wird anerkannt, dass nur „die bereinigte Gesellschaft“ der Garant für Frieden sei. Aufgrund ihrer Konfession müssen 1,2 Millionen Menschen entweder Anatolien verlassen oder Griechenland – „der erste Bevölkerungsaustausch“, so Gerwarth, „bei dem die Betroffenen keine Wahl haben. Sie müssen gehen.“

„Die Besiegten“, fast fünfhundert Seiten dick, ist trotz der unvermeidlichen Gewaltthematik nüchtern und kühl. „Ich versuche nicht, pädagogisch zu sein“, sagt Gerwarth. „Auch als Zukunftsforscher betätige ich mich nicht. Ich will lediglich die historischen Ursprünge von Konflikten zeigen.“

In welche Richtung sich das krisengeschüttelte Europa entwickeln wird, ist von ihm nicht zu erfahren. Nur eben, dass es kompliziert bleibt. „Wenn die Perspektive des Historikers auch wenig Antworten für die Gegenwart hervorbringt“, sagt er, „kann man immerhin die Wurzeln der Fragen, die wir uns zu stellen haben, besser erkennen.“ Er erzählt eine Geschichte gegen Geschichtsvergessenheit.

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