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Herbsttagung : Die Akademie verlässt die Komfortzone

Stammt aus einer Bergwerksregion, in der man sich auf wegsackenden Grund einstellen muss: Marion Poschmann stellte sich als neues Akademie-Mitglied vor. Bild: Frank Röth

Wie reagiert ein Autor auf verstörende Entwicklungen wie das Erstarken von Nationalismus und Populismus? Die Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ist von einer alten Diskussion geprägt.

          „Ich wollte, mein Vater oder auch meine Mutter hätten bei meiner Zeugung etwas mehr Überlegung walten lassen“ – so stellte sich das neue Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vor, und während man sich fragte, ob man es mit dem Romanhelden Tristram Shandy zu tun hatte, der sich unter der Maske des Kinderbuchautors Andreas Steinhöfel eingeschlichen hatte, löste der das Rätsel auf: Wolle man einen Autor kennenlernen, böte zwar dessen Umfeld Anhaltspunkte, besser sei der Blick auf seine Texte, am allerbesten der auf seine literarischen Vorlieben. So betrachtet ist der Rückgriff auf Lawrence Sternes Romananfang für die Beschreibung der eigenen Person nur konsequent.

          Mit Steinhöfel stellten sich drei weitere Autoren vor und beantworteten die Frage, was den Einzelnen ausmache, auf je eigene Weise: Der Historiker Valentin Groebner sprach über die Rollen, die man in einem solchen Kontext einnehmen könne, über die Selbstdarstellung durch den Dialekt und darüber, wie er als Wiener in Marburg den Führerschein erst im zweiten Anlauf schaffte, weil die Verständigung mit dem hessischen Fahrlehrer so schwierig war. Die Autorin Cécile Wajsbrot sprach über ihren Namen, die Hürden, die dessen Aussprache bereithalte („das Problematische ist das ,j‘ – wie ,je, ich, und wie ,jüdisch‘“), und die Dichterin Marion Poschmann suchte die Wurzeln ihrer Identität im Ruhrgebiet, beschrieb die Erfahrungen in einer Bergwerksregion, in der man sich auf wegsackenden Grund einstellen müsse und fragte schließlich: „Abdrücke von Schachtelhalmen, Dinosaurierknochen, ist das Natur, oder sind das Ressourcen?“

          Das rührte an eine uralte Diskussion, die diese Herbsttagung prägte: Welches Verhältnis nimmt ein Autor zur literarischen Ressource Welt ein, wie reagiert er auf verstörende Entwicklungen wie das Erstarken von Nationalismus und Populismus? Der scheidende Präsident Heinrich Detering erinnerte zur Eröffnung an die von der Akademie veranstalteten Begegnungen zwischen Autoren aus europäischen Ländern und daran, wie sich in seiner sechsjährigen Amtszeit Staaten wie Polen oder Ungarn verändert hätten. Dann lasen sechs Lyriker aus ihren Texten, der Slowene Aleš Šteger forderte dazu auf, endlich die literarische „Komfortzone“ zu verlassen, um auch Andersdenkende zu erreichen, und der Pole Tadeusz Dabrowski sprach zwar dem Gedicht eine „wichtigere Rolle zu, als sich in der zeitgenössischen Politik zu engagieren“, brachte aber das Dilemma mit dem listigen Satz auf den Punkt: „Wenn es wirklich gefährlich werden sollte in Polen, bin ich der Erste, der ein Gedicht dagegen schreibt.“

          Nun setzt Engagement die Kenntnis des Gegners voraus. Und so unterstrich der Literaturwissenschaftler Steffen Martus in seiner Laudatio auf den Merck-Preisträger Jens Bisky, dessen von „Anschauung, ästhetischer Analyse und historischer Reflexion“ geprägtes Verfahren als Kritiker, was hilfreich auch im Umgang mit politischen Extremisten sei. Bisky wiederum brach in seiner Dankesrede eine Lanze für die Zeitungsrezension als Medium dafür, „dass wir alle besser lesen und streiten lernen“, was freilich das Verlassen der Komfortzone verlangt. Auch die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger, die den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa erhielt, plädierte dafür, im Umgang mit vergangenen Epochen explizit das Fremde zu erkennen und darzustellen, statt dort das Eigene zu suchen, und führte am Beispiel eines Tagebucheintrags aus dem Jahr 1744 die Funktion „sprachlicher Stolpersteine“ für ein Verständnis von Historie vor. In seiner Laudatio zeigte Jürgen Kaube, der für das Feuilleton dieser Zeitung zuständige Herausgeber, am Beispiel von Stollberg-Rilingers 850 Seiten starker Maria-Theresia-Biographie, wie in diesem perspektivenreichen Verfahren „Wirklichkeit als Totalität von Kontexten“ erscheine.

          Dass die Gedichte des diesjährigen Büchner-Preisträgers den umgekehrten Weg zur Weltabbildung einschlagen, indem sie auf wenigen Zeilen den Raum dehnen und die „irdische Vielfalt“ einfangen, betonte Aris Fioretos in seiner Laudatio auf Jan Wagner. Wie in Wagners „Selbstporträt mit Bienenschwarm“ löse sich die Stimme des Lyrikers im Summen der Insekten auf und lasse Raum für die Teilhabe des Lesers. Wagner wiederum sprach in seiner Dankesrede von Georg Büchners politischen und literarischen Schriften, in denen Sprache nun nicht mehr „Mittel zum Zweck“ sei. Und es klang wie eine späte Antwort auf Dabrowskis skeptische Verheißung eines politischen Polen-Gedichts, als er für seine Lyrik in Anspruch nahm, „umstürzlerisch auf seine bescheidene Art“ zu sein, „herausfordernd, die gedanklichen und sprachlichen Räume verändernd und erweiternd.“ Womöglich werden wir sie brauchen.

          Quelle: F.A.Z.

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