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Veröffentlicht: 09.01.2014, 10:28 Uhr

Hanser-Verleger Jo Lendle im Gespräch Mehr Frauen, weniger Krimis, junge Stimmen

Büchermachen ist ein Menschengeschäft, sagt Jo Lendle, der seit dem 1. Januar der verlegerische Geschäftsführer bei Hanser in München ist. Der Fünfundvierzigjährige hat viele Ideen im Gepäck. Hier stellt er sie vor.

© Sebastian Willnow Fährt neuerdings nur noch mit Helm Ski: Jo Lendle, 1968 in Osnabrück geboren, verantwortete zuletzt die Literatur bei Dumont in Köln

Sie haben sich ein Jahr Auszeit genommen, um sich auf Ihre Rolle als neuer Hanser-Verleger vorzubereiten. Was haben Sie in der Zeit gemacht?

Gelesen, Autoren getroffen, mit den Kollegen im Verlag gesprochen. Und nachgedacht. Darüber, was ein Verlag heutzutage sein kann und was ich bei Hanser tun werde. Das allermeiste in diesem Verlag ist gut und richtig und bewahrenswert, aber an ein paar Schrauben möchte ich drehen.

Was sind das für Schrauben?

Kleinigkeiten. Als Michael Krüger Hanser-Geschäftsführer wurde, stellte er in einem Interview fest: „Der Verlag ist an seinen höchsten Möglichkeiten angekommen.“ Das gilt heute erst recht. Diese Strahlkraft ist einzigartig, sie gilt es zu bewahren. Aber im aktuellen Frühjahrsprogramm sind von 29 Autoren 27 Männer. Da sollte sich ein Hauch Balance hineinbringen lassen.

Auch, was jüngere Autoren angeht? Hanser ist ja vor allem berühmt für seine vielen Nobelpreisträger.

Hanser versammelt enorm viele hervorragende Autoren, das ist außergewöhnlich und beglückend. Allerdings macht es weniger hungrig auf neue Stimmen. Aber auch das gehört zu einem Verlag. Andere Häuser waren zuletzt bei der Suche aktiver. Diese Neugier auf junge Autoren bringe ich sicherlich mit. Natürlich habe ich mir außerdem vorgenommen, das Programm ein wenig zu verkleinern. Wie sich das mit dem Fortführen und Ergänzen verbinden lässt, ist mir ein Rätsel.

Werden denn zu viele Bücher verlegt?

Wenn man den Buchmarkt aus der Distanz betrachtet, fällt einem dazu schon einiges ein. Problematisch wird es immer dann, wenn ein Verlag die Titelzahl in der bloßen Hoffnung steigert, irgendetwas davon werde schon durchkommen. Wie eine Tanne bei saurem Regen ein Übermaß an Zapfen produziert, damit einer von ihnen überlebt. Verlegen heißt auswählen. Ich will bei jedem Buch wissen, warum ich es publiziere, dazu gehört auch mal ein Nein. Andererseits ist es kaum auszuhalten, ein gelungenes Manuskript zu finden und zu wissen, dass dafür eigentlich kein Platz ist.

Das Hanser-Reich ist riesig groß, haben Sie Autoren besucht, auch im Ausland?

Ja, einige habe ich getroffen, T. C. Boyle, Lars Gustafsson, Janne Teller, Henning Mankell, David Grossman und andere. Bei weitem nicht alle, noch war ich ja nicht im Amt. Aber solche Gespräche sind wichtig. Büchermachen ist ein Menschengeschäft, es kommt darauf an, sich zu verstehen.

Michael Krüger war so eng mit seinen Autoren, dass die Umstellung auf einen anderen nun schwer sein muss.

Michael Krüger kann man nicht ersetzen. Auf die ihm eigene Art ist er vollkommen unersetzlich. Darauf hat er ja selbst hingewiesen - und damit absolut recht. Zum Glück ist die Welt der Literatur bekannt für ihre Liebe zu paradoxen, überraschenden Lösungen. Man kann ihm nicht nachfolgen und folgt ihm doch nach. Indem man aus einer anderen Richtung aufs gleiche Ziel zuläuft. Wenn ich versuchen würde, wie Krüger, Siegfried Unseld oder Heinrich Ledig-Rowohlt daherzukommen, wäre ich ein Papagei und gehörte in den Zoo. Ich werde mit Autoren reden, wie ich das bislang auch gemacht habe, das waren enge, vertrauensvolle Verbindungen.

Waren Sie schon mal in Stockholm?

Ja (lacht), aber nie beim Nobelpreis.

Das jetzige Frühjahrsprogramm trägt noch nicht Ihre Handschrift?

Das wird erst von 2015 an deutlicher zu sehen sein. Ein Frühjahrstitel ist jetzt bereits von mir geholt worden, das Debüt von Martin Kordic, ein wirklich verblüffender Roman, dessen irrlichternder Titel „Wie ich mir das Glück vorstelle“ einen nur halb auf die falsche Fährte lockt.

Was sagen Sie zur Buchmarkt-Krise?

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