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Kafkas „Prozess“-Manuskript : Ergriffenheit am Altar der Moderne

Offenbarung einer literarischen Reliquie: Manuskript zu Frank Kafkas „Der Prozess“ Bild: EPA

Auf der Spur einer literarischen Reliquie: Der Berliner Gropius-Bau zeigt Franz Kafkas Manuskript zu „Der Prozess“. Die Seiten umgibt eine besondere Aura.

          Reliquien. Das ist das Erste, was man denkt, wenn man den Saal im Berliner Martin-Gropius-Bau betritt, in dem die Blätter liegen. 161 Seiten im Quartformat, in Zweierreihen, auf graugrüner Unterlage. Im Saal ist es schummrig wie in einer Kirche. Die vergitterten Fenster halten das Tageslicht fern, die beleuchteten Vitrinen sorgen für gleichmäßige kühle, wattierte Helligkeit. Erst wenn man die Blätter zu fotografieren versucht, merkt man, dass das Vitrinenglas in Wahrheit ein Schutzschirm ist. 35 Lux, mehr Licht vertragen die Blätter nicht, und nach acht Wochen werden sie wieder weggeräumt. Acht kostbare Wochen, die man mit dem vielleicht wertvollsten Manuskript der abendländischen Literatur verbringen darf. Einer Offenbarung, einem Evangelium der Moderne: Kafkas „Prozess“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Als der kommunistische Philosoph Georg Lukács, so erzählt eine alte Anekdote, nach dem gescheiterten Ungarn-Aufstand von 1956 in einem von sowjetischen Soldaten bewachten Nachtzug über die Grenze nach Rumänien deportiert wurde, soll er gesagt haben: „Kafka hatte doch recht.“ Er dachte an den „Prozess“, an die Geschichte einer Verurteilung, der niemand entgehen kann. So wie Zehntausende zwischen 1945 und 1989 jenseits der Elbe an Kafka gedacht haben müssen, während sie auf ihr Verfahren warteten, auf ein Ende des Schreibverbots oder eine Ausreiseerlaubnis, die nie kam. Kaum jemand kann sich heute vorstellen, was Kafkas Werk damals für seine Leser im real existierenden Sozialismus bedeutete: keine Fiktion, sondern wahrhaftige Beschreibung ihrer Existenz. Milan Kunderas Romane, Andrzej Wajdas Filme wären nicht denkbar ohne Kafkas Werk. Das bedeutet aber auch, dass die Geschichte vom Angeklagten K., wie die Welt, in der sie spielt, historisch geworden ist. Man spürt es, wenn man Orson Welles’ „Prozess“ mit Anthony Perkins und Romy Schneider betrachtet, der in einem kleineren Raum nebenan läuft. Man sieht verfilmte Literatur, einen Kinoklassiker, nicht mehr „die Axt für das gefrorene Meer in uns“, wie Kafka es nannte. Zu dieser Historisierung passt die sakrale Präsentation des Manuskripts unter den lichtgedämpften Tabernakeln wie die Faust aufs Auge.

          Berlin 1914. Am 12. Juli wird der Prager Versicherungsvizesekretär Franz Kafka zu einer Aussprache über die Auflösung seiner Verlobung mit der Stenotypistin Felice Bauer ins Hotel „Askanischer Hof“ bestellt, das in Rufweite vom Gropius-Bau in der heutigen Stresemannstraße, damals Königgrätzer Straße, lag. Anwesend sind: Fräulein Bauer, ihre Schwester Erna und ihre Freundin Grete Bloch. Kafka verlässt das Hotel als Verurteilter. Als „Gerichtshof“ wird er das Treffen später bezeichnen. Noch im Sommer beginnt er mit der Arbeit am „Prozess“. Er hat eine Erfahrung gemacht, die er in Sprache verwandeln will; mehrmals schreibt er, wenn es um den Angeklagten K. geht, „ich“ statt „er“. Aber dann passiert etwas. Kafka, der zuerst den Anfang und das Ende der Geschichte geschrieben hat, bastelt an mehreren Kapiteln gleichzeitig, doch die Puzzleteile passen nicht mehr zusammen. Ende November 1914 stockt die Arbeit am Buch. Dann folgen ein paar Wochen „jämmerliches Vorwärtskriechen“. Im Januar 1915 gibt Kafka den „Prozess“ auf.

          Eine Aura umgibt die Quartseiten

          Genau zehn Jahre später, Kafka ist erst seit acht Monaten tot, bereitet Max Brod das Manuskript, das er eigentlich verbrennen sollte, für die Erstveröffentlichung im Berliner Verlag „Die Schmiede“ vor. Er numeriert die Kapitel, übersetzt stenographische Passagen – seine Handschrift auf den Blättern im Gropius-Bau ist nüchterner, gestochener als Kafkas wilde Kalligraphie –, streicht, ergänzt und sortiert. Es ist der „Prozess“, den wir alle kennen, die nach wie vor gültige Fassung, allen philologischen Ergänzungen zum Trotz. Im März 1939 rettet Brod die 161 Blätter kurz vor dem Einmarsch der Wehrmacht im Nachtzug (!) aus Prag nach Rumänien und Israel. Nach seinem Tod landet das Manuskript bei Sotheby’s, ein deutscher Antiquar ersteigert es für eine Million Pfund und verkauft es dem Literaturmuseum in Marbach.

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          All das erklärt aber nicht die Aura, die diese Quartseiten umgibt; und auch der Kult, der um Kafka getrieben wird, die antiquarische Verehrung – die in einem zweiten Nebenraum mit Fotos aus der Sammlung Wagenbach dokumentiert wird – bietet keine zureichende Begründung für die Ergriffenheit, mit der man die mal überschwänglich-jagende, mal vorsichtig kriechende Schrift in den Vitrinen betrachtet. Der Schauder dieser Begegnung muss mit einer Hoffnung zu tun haben, die sich tief im kalten Herzen der Moderne erhalten hat: dass es allen wissenschaftlichen Gegenbeweisen zum Trotz doch so etwas wie Unsterblichkeit gibt, eine kurze Ewigkeit im Wort. Vielleicht sind wir bei Kafka ja doch in einer Kirche.

          Als der „Prozess“ 2013 in Marbach erstmals gezeigt wird, hält Louis Begley die Eröffnungsrede. Zuerst rechnet er mit der Kafka-Philologie ab: Ihre Deutungen seien überflüssig, reine Spekulation. Dann erzählt er, wie er das Buch mit fünfzehn las. Kafkas Szenario, sagt er, war ihm von Anfang an vertraut. Denn genau so wie die Pension von K.s Vermieterin Frau Grubach sahen die muffigen Absteigen aus, in denen Begley und seine jüdische Mutter auf der Flucht vor den Nazis in Polen untertauchen mussten. Der „Prozess“ war Begleys Madeleine: Er öffnete die verschütteten Grüfte der Erinnerung. Kafka hatte doch recht.

          Quelle: F.A.Z.

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