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Deutsch-Israelische Literatur : Gott verteilt ungerecht

Bekannt geworden mit seinem Wenderoman „Als wir träumten“: Schriftsteller Clemens Meyer Bild: dpa

Die Deutsch-Israelischen Literaturtage beschäftigen sich in diesem Jahr mit der Frage nach Gerechtigkeit. Am Eröffnungsabend suchen Mira Magén und Clemens Meyer nach einer Antwort – ein wirkliches Gespräch findet allerdings nicht statt.

          Als Mira Magén mit fester Stimme zu sprechen beginnt, wird es still im Deutschen Theater in Berlin. Sie sei mit gemischten Gefühlen hier, sagt die israelische Schriftstellerin: „Denn heute wird in Israel des Holocausts gedacht.“ Aufgewachsen in einem orthodoxen ostjüdisch geprägten Elternhaus, gehört Magén der zweiten Generation von Holocaust-Überlebenden an. Es sei ein Luxus für sie, nach Deutschland zu kommen, um über das Wohnen in Tel Aviv zu sprechen. Magén kann nicht vergessen: „Ich laufe durch Berlin und sehe die Stolpersteine. Der Kreis wird sich nie ganz schließen.“ Ihr Leben sei voller Zweifel und Ambivalenz – der Antrieb für ihre Schaffenskraft.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Es sind denkwürdige Worte, die das Thema des Abends für einen Moment fast vergessen lassen. „Was ist gerecht?“ Darum geht es diesmal in den seit 2005 von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Goethe-Institut veranstalteten Deutsch-Israelischen Literaturtagen. Ellen Ueberschär von der Böll-Stiftung sieht darin die „stetige Neugier zweier Gesellschaften aufeinander, trotz des historischen Bruchs“. Beide Demokratien seien einer Belastungsprobe ausgesetzt, die auch mit dem wachsenden Antisemitismus in beiden Ländern zu tun habe. Ueberschär hält dagegen: „Wir setzen ein Zeichen für die Lebensader der Demokratie.“ Die Literaturtage öffneten Räume für kritisches Denken, erklärt der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann: „Es geht um die politische Kraft der Kultur.“

          „Gott verteilt die Karten der Existenz“

          Diese spiegelt sich nach Ansicht der Veranstalter auch in der Suche nach einer sozialen Verantwortung der Architektur und bezahlbarem Wohnraum, der in deutschen und israelischen Städten rar geworden ist. Schöner wohnen – wie kann das gelingen? Eine gute Frage, von der die Autoren bei allem, was es sonst noch zu beiden Ländern und zum Thema der Gerechtigkeit zu sagen gibt, allerdings immer wieder abkommen.

          Clemens Meyer, in Leipzig aufgewachsen und bekannt geworden mit seinem Wenderoman „Als wir träumten“, ist an diesem Abend das deutsche Pendant zu Mira Magén. Was macht die Figuren am Rande der Gesellschaft, von der Meyer immer wieder erzählt, so interessant, will die Moderatorin von ihm wissen. Meyer bestreitet, einen sozialkritischen Impetus zu haben. Literatur werde geformt. „Ich sehe mich da in einer großen Tradition“, sagt er. Seine sprunghafte Gedankenführung macht an diesem Abend manch einem zu schaffen. „Verstehe ich nicht“, murmelt ein Zuschauer in den hinteren Rängen, als Meyer die literarischen Parameter der Gerechtigkeit abzustecken und zu vermitteln versucht, warum diese nicht mit der politischen Realität gleichzusetzen sind. Magén gibt zu bedenken, dass es keine absolute Gerechtigkeit gebe. „Gott verteilt die Karten der Existenz“, sagt die Autorin. Alle, die nicht das Glück hätten, die richtigen Schlüssel in die Hand zu bekommen, müssten hart arbeiten. Über diese Menschen schreibe sie, von ihnen fühle sie sich angezogen.

          Obwohl beide Schriftsteller, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, etwas zu sagen haben, findet zwischen ihnen kein wirkliches Gespräch statt. Die Moderatorin fragt abwechselnd Meyer und Magén entlang ihres Fragenkatalogs. Viel mehr als eine kommunikative Einheit entsteht dadurch der Eindruck von Unverbundenheit. Das hängt auch mit den unterschiedlichen Rhetoriken der Autoren zusammen. Nicht jedem erschließt sich etwa Meyers Ironie, die sich in manche seiner Bemerkungen mischt. „Alle enteignen!“, ruft er einmal aus, um klarzustellen, dass er auch eine private Meinung zur Wohnungsmarktsituation habe und sich nicht hinter der Literatur verstecke. Der Ausbruch war natürlich ein Scherz.

          Nicht in der schlechtesten aller Welten

          Und doch gibt der Abend Impulse für die noch kommenden Literaturtage. „Die Ungleichheit ist dem menschlichen Wesen inhärent“, erklärt Mira Magén, die die „kapitalistische Orientierung“ ihrer Regierung für bedauernswert hält. Es komme darauf an, die Ressourcen gleich zu verteilen. „Das Problem ist der Mensch an sich“, findet Meyer, der aber auch auf etwas zu sprechen kommt, das in den Diskussionen über soziale Gerechtigkeit gerne unter den Teppich gekehrt wird: „Wir leben hier nicht in der schlechtesten aller Welten!“

          Inwieweit diese Wahrnehmung trägt, kann in Berlin noch bis Sonntag in weiteren Lesungen mit deutschen und israelischen Schriftstellern zur normativen, politischen und psychologischen Dimension von Gerechtigkeit überprüft werden. Eine Filmvorführung mit anschließender Diskussion widmet sich der israelischen Strafjustiz.

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