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Goldschmidt und Stach über Kafka : Was Kafka am Radschlagen liebte

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Reiner Stach (r.) und Georges-Arthur Goldschmidt in dessen Wohnung im dritten Stock eines alten Hauses in Belleville Bild: Andreas Platthaus

In seiner Wohnung am Rande von Paris empfängt der Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt den deutschen Publizisten Reiner Stach, um mit ihm über eine gemeinsame Leidenschaft zu reden: Franz Kafka.

          Der in Hamburg geborene Georges-Arthur Goldschmidt wurde von seinen Eltern 1938 erst nach Italien und dann nach Frankreich geschickt, wo der Protestant jüdischer Abstammung die deutsche Besatzungszeit in einem Internat überlebte. Später wurde er Katholik und französischer Staatsbürger und einer der wichtigsten literarischen Grenzgänger zwischen seinen Heimatländern: in beiden Sprachen schreibend, in beide Sprachen übersetzend.

          Anlass von Reiner Stachs Besuch bei ihm ist ein dickes Papierkonvolut, das beim Gespräch auf dem Sofa liegt: die Fahne von „Kafka - Die frühen Jahre“, dem am 24. September erscheinenden Abschluss von Stachs dreiteiliger Kafka-Biographie, deren erste Bände 2002 und 2008 erschienen sind und jeweils als Meilensteine gefeiert wurden. Stach hat sich dieses Gespräch gewünscht, denn Goldschmidt hat nicht nur „Der Prozess“ und „Das Schloss“ ins Französische übersetzt, sondern vor sieben Jahren auch den großen Essay „Meistens wohnt der den man sucht nebenan - Kafka lesen“ publiziert. In den nächsten drei Stunden wird es zwischen beiden nur darum gehen: wie man Kafka liest. Und wie man nach ihm schreibt.

          Georges-Arthur Goldschmidt: Herr Stach, ich habe angefangen, Ihren neuen Kafka-Band zu lesen. Sehen Sie es einem alten Mann nach, dass er noch nicht weiter als bis Seite 120 darin gekommen ist, aber es ist unglaublich, was Sie sich für eine Riesenarbeit damit gemacht haben! Wie Sie die Schuljahre von Kafka schildern - meisterhaft.

          Reiner Stach: Der Band führt dann weiter bis zum 28. Lebensjahr und somit auch in Kafkas erste Berufsjahre, also im Grunde bis dorthin, wo die Tagebücher beginnen.

          Goldschmidt: Kafkas Lektüre hat mein Leben verändert. Ich erinnere mich daran noch, als ob es gestern gewesen wäre: Ich war 1950 nach Kitzeberg in die Nähe von Kiel gereist, um meine Schwester zu besuchen, die mit ihrem Mann dort lebte. Er lehrte an der Universität und bekam deshalb Bücher von den Amerikanern, darunter den „Prozess“, noch in der Exil-Ausgabe des Schocken-Verlags. Und da saß ich an der Kieler Förde, im damals schwärzesten Teil Deutschlands, und las diesen ersten Satz: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben ...“ Das war wie ein Schlag, von dem ich mich nie wieder erholt habe: das Urereignis Kafka.

          Stach: Meine erste Begegnung mit ihm fand in den sechziger Jahren am Gymnasium statt. Wir hatten Deutschlehrer, die seit den dreißiger Jahren nichts dazugelernt hatten. Die kannten die gesamte deutschsprachige Moderne nicht. Stattdessen wurden wir traktiert mit Rudolf Alexander Schröder, der Name Kafka fiel niemals, Brecht stand immerhin auf dem Lehrplan. Auf der Fahrt zur Schule haben mir ein paar ältere Schüler eines Tages den „Prozess“ in die Hand gedrückt. Ich erinnere mich genau: Der Leseeindruck war der eines komischen Textes. Obwohl da ein Mensch untergeht, ist die Mikrostruktur des Textes durchsetzt mit Komik. Das haben wir sofort erkannt.

          Goldschmidt: Ich nicht. Aber meine Schwester, die 21 Jahre älter war als ich, hatte zeitweise in Prag gelebt und dort noch den Philosophen Emil Utitz gekannt, mit dessen Frau sie befreundet war. Frau Utitz hat ihr erzählt, dass Kafka sonntags gern in der Umgebung spazieren ging, in die Dörfer rund um Prag. Und Kafka habe dabei Rad geschlagen, um die Leute zu provozieren. Er habe gern Faxen gemacht, und deshalb hat meine Schwester immer darauf bestanden, seine Texte wären nicht ernst zu nehmen. Aber für mich waren sie todernst. Trotz aller Begeisterung für Kafka wäre ich allerdings unfähig, eine solche Arbeit zu leisten wie Sie.

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