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Verfolgt bis in den Schlaf : Die Vereinigten News von Amerika

Satori Shakoor aus Detroit Bild: Ludovic Balland

Wie leben Professoren, Polizistinnen oder Prostituierte mit den Nachrichten? Oder ohne sie? Ein Interview- und Bildband dokumentiert die Unmöglichkeit, das zu dokumentieren.

          Amerika, schreibt Ludovic Balland in der Einleitung zu seinem Projekt „American Readers at Home“, „ist ein bisschen älter als die Geschichte der Fotografie. Kein Wunder, dass es sich immer so stark mit diesem Medium identifiziert hat – in einem Ausmaß, dass man nicht mehr unterscheiden kann zwischen der Fiktion und der Realität dieses Landes, seiner Geschichte und den politischen Ereignissen der Gegenwart.“

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Drei Monate lang ist der Designer, seit kurzem Professor für Typographie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, durch die Vereinigten Staaten gereist, als die Ende 2016 in die heiße Phase ihres Präsidentschaftswahlkampfs zwischen Trump und Clinton gingen. Balland ist von der Ostküste an die Westküste und von dort nach Süden und bis nach Washington gefahren, um diese Zeit zu dokumentieren: In Fotos einerseits, andererseits in Interviews, die er an jeder seiner Stationen führte, in New York City und Philadelphia, in Detroit, Nashville, Dallas, in Alburquerque, Tucson, in Washington und San Francisco. Er hat seine Kamera und ein Mikrofon ins Land gehalten, um festzuhalten, wie Professoren, Polizistinnen, Prostituierte, Waffenhändler, Tierpräparatorinnen, Reporter und Farmer mit den Medien leben, die sie umgeben: Wie sie die News verarbeiten, die sie von allen Seiten erreichen, im Fernsehen, in den Zeitungen, per Newsfeed, über Facebook und Twitter.

          Wie sortieren Konsumenten Nachrichten?

          Und daraus ist ein 550 Seiten starker Bildband geworden, auf Dünndruckpapier: Amerika als Medium, Amerika als Zeitung, gestaltet von einem preisgekrönten Designer; man wechselt zwischen Text und Bild hin und her, wie man es auch mit einer Zeitung täte, und genau darum geht es Balland offenbar: Darum, wie Leserinnen und Leser – oder, neutraler, Konsumenten von Nachrichten – diese Nachrichten bei sich sortieren. Was sie davon behalten. Wie sie, was geschehen ist oder noch geschehen kann, in ihre Weltbilder einfügen, immer, und das liest man aus allen 55 Interviews heraus, in dem Bemühen nach Abrundung und Geschlossenheit. Nach Sinn. Und deshalb geht es hier nur vordergründig um Trump gegen Clinton oder Clinton gegen das FBI oder Trump gegen die Presse. Es geht: um alles.

          „Ich glaube, Nachrichten sind die Flucht vor der universellen Realität“, sagt der Medienwissenschaftler Barry Vacker aus Philadelphia. „Ein Selfie ist nur das andere Ende des Hubble-Weltraumteleskops.“

          „Hillary hat direkt in die Kamera gesehen und gesagt: ,Ich habe eine Botschaft an alle Nato-Mitglieder, dass sie auf die Vereinigten Staaten zählen können, wir werden euch verteidigen‘“, sagt der Wahlkampfmanager Max Temkin aus Chicago. „In zehn Jahren werden die Leute an jenen Augenblick als den entscheidenden des Wahlkampfs zurückdenken. In jenem Augenblick war sie die Präsidentin, und Trump hat offenbart, wer er wirklich ist: kein Patriot. Er hat keine Ahnung von gar nichts, er interessiert sich nicht für den Rest der Welt.“

          Celeste González aus Tucson

          „Die Polizei ist nur dazu gut, anschließend die Umrisse mit Kreide auf den Boden zu malen“, sagt der Waffenhändler Jon Thomas aus Odessa in Texas. „Sie kann nichts für Sie tun, wenn Ihnen etwas passiert. Und es steht auch so in der Verfassung, dass die Polizei nicht das Recht oder die Pflicht hat, Sie als Individuum zu schützen. Sie ist dazu da, die Gesellschaft als Ganzes zu schützen.“

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