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Anatomie einer Geste : Auf Küsse folgen Katastrophen

Bild: F.A.Z.

Geküsst wird immer, doch nicht mit jedem Kuss beginnt eine große Liebe: ein Gespräch mit Peter von Matt über den Kuss in der Literatur zum Valentinstag.

          Der Kuss, hat Cary Grant, größter Küsser der Filmgeschichte, nüchtern festgehalten, sei nichts anderes als das Aufeinandertreffen zweier Ringmuskel im Zustand der Kontraktion. Was hat Sie am Kuss gereizt, Herr von Matt?

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Idee hat mich fasziniert. Allerdings weniger, weil ich mich in Küsse versenken wollte, sondern weil mich die Erzählstrategien des Kusses interessieren.

          In den Texten, die Sie in Ihrer im Hanser Verlag erschienen Studie „Sieben Küsse“ untersuchen, von F. Scott Fitzgerald, Kleist oder Marguerite Duras, scheint der Kuss als zentraler Wendepunkte auf. Dabei geht er längst nicht immer mit Glück und Liebe einher, sondern ist viel eher von Krisen umstellt.

          Ich wollte keine Typologie des Kusses schreiben. Der Kuss als Geste ist ja konventionell. Mich interessiert er als dramatisches und erotisches, als soziales Ereignis. Der singuläre Kuss ist von weltliterarischem Rang. Weil sich an ihm Fragen kristallisieren wie: Was passiert da gerade? Was sind die Vorbedingungen? Mit welchen Konflikten ist der Kuss verbunden? Wie werden sie gelöst? Werden sie überhaupt gelöst? Der Kuss spiegelt Grundkonflikte des Menschen, weil er sich in einem bestimmten sozialen und moralischen Raum abspielt. Der Kuss ist der dramatische Kern, über den ich in die Gesetze und Strukturen einer ganzen Epoche gelange.

          Wie zum Beispiel in Virginia Woolfs Roman „Mrs. Dalloway“ in die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg.

          Eine unglaublich interessante Zeit. Wie Virginia Woolf dieses Nachkriegsengland erfasst, mitsamt der gesellschaftlichen Fassade, zu der Clarissa ja ganz und gar gehört. Und inmitten dieser Kulisse, die freilich überall schon Risse hat, kommt es dann zu diesem Kuss zweier Frauen. Ein singulares Ereignis, das Clarissas ganzes weiteres Leben bestimmen wird, der Kuss ist ihre höchste Wirklichkeit. Virginia Woolf schreibt mit dieser Kuss-Geschichte zudem ihre eigene Emanzipationsgeschichte. Vor dem Ersten Weltkrieg wäre ein lesbischer Kuss nicht ohne Weiteres möglich gewesen. Dieser Kuss aber ist die einzig wahre Liebe für Clarissa, gleichwohl muss er eingeschachtelt und verboten werden.

          Sie haben sich nicht die berühmten Küsse der Literaturgeschichte vorgenommen, nicht Shakespeares „Romeo und Julia“ oder Mitchells „Vom Winde verweht“.

          Peter von Matt im August 2014 in Frankfurt
          Peter von Matt im August 2014 in Frankfurt : Bild: Helmut Fricke

          Es mussten schon besondere Küsse sein. Die Literatur ist voll von eindimensionalen Küssen, aber was soll man darüber schreiben? Das ist wie mit dem Sonnenaufgang. Ein Buch wie „Hundert Sonnenaufgänge“ wäre doch grauenhaft! Bei Küssen, über die es dann heißt: Und sie fielen einander in die Arme und küssen sich, genauso. Viel interessanter sind die anderen Küsse. Zum Beispiel bei Goethe. Die verbotene Frau ist während seiner gesamten Jungmännerzeit das große Thema, nicht zuletzt die verbotene Schwester. Das sagte er ja auch ganz offen, dass er es bedauere, dass seine Schwester als Geliebte tabu für ihn gewesen sei. Auf Goethes Küsse folgen die Katastrophen. Nachdem sich Werther und Lotte küssen, bringt Werther sich um. Und in den „Wahlverwandtschaften“ fällt unmittelbar nach dem Kuss zwischen Eduard und Ottilie das Kind ins Wasser. „Die Hoffnung fuhr wie ein Stern, der vom Himmel fällt, über ihre Häupter weg“, lautet die rätselhafte Stelle im Text.

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