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Gespräch mit dem syrischen Dichter Adonis Syrien ist von innen und außen umzingelt

 ·  Adonis, Jahrgang 1930, gilt als bedeutendster arabischer Dichter der Gegenwart. Seit vielen Jahren lebt er in Paris im Exil. Die Lage in seinem Heimatland beurteilt er äußerst kritisch.

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© Michael Kretzer Vergrößern „In einer Demokratie müssen Minderheiten bedingungslose Akzeptanz erfahren“: der syrische Dichter Adonis

Zu Beginn des arabischen Frühlings haben Sie gesagt: „Ich kann nicht an einer Revolution teilnehmen, die in einer Moschee beginnt. Das hat nichts mit Freiheit und Demokratie zu tun.“ Warum dieser Pessimismus?

Das ist kein Pessimismus, das ist die Realität. Es gibt keine Demokratie, wenn das politische System auf einer religiösen Basis aufgebaut ist. Entweder sind wir demokratisch und leben in Freiheit, oder wir sind religiös. Ich wähle die erste Variante - demokratisch und frei zu sein. Das heißt aber nicht, dass ich gegen Religion bin. Vor dem individuellen Glauben, den ein Mensch aus eigener Überzeugung praktiziert, habe ich großen Respekt. Aber wenn uns Religion als Institution führt, dann ist das Tyrannei. Und zwar aus dem Grund, dass es auch Menschen gibt, die nicht religiös sind oder einer anderen Religion zugehören. Eine Gesellschaft, die religiöse Gesetze zur Grundlage hat, ist für mich eine Diktatur. Sie ist vielleicht sogar schlimmer als eine Militärdiktatur.

Was ist der Unterschied zwischen einer Militär- und einer religiösen Diktatur?

Eine Militärdiktatur kontrolliert deinen Kopf und deine politischen Gedanken. Das ist schlimm genug. Doch die religiöse Diktatur kontrolliert deinen Kopf, dein Herz, deine Seele und deinen Körper, also dein ganzes Leben. Zweifelsfrei - beide sind undemokratisch.

Heißt das, Religionen sind undemokratisch, sobald sie politische und staatliche Macht ausüben?

Mehr als das. Sie sind nicht nur undemokratisch, sondern schlichtweg ungerecht. Religionen drängen allen Gruppierungen einer Gesellschaft die gleichen Pflichten auf, räumen ihnen aber nicht die gleichen Rechte ein. Warum zum Beispiel darf nach islamischem Recht ein Muslim eine Christin heiraten, ein Christ hingegen keine Muslima, ohne Muslim zu werden? Warum darf ein Muslim in islamisch geprägten und regierten Ländern wichtige Minister- und andere Posten annehmen und der Christ nicht? Dieses Recht genießen in bestimmten Ländern ausschließlich Muslime. Hier haben wir es mit einer Vergewaltigung, ja Hinrichtung von Bürgerrechten zu tun. Wenn politische Macht einzig auf Religion basiert und die Gesellschaft im Namen der Religion regiert wird, werden Zivilrechte außer Kraft gesetzt. Muslime behaupten, der Islam sei der Garant für Freiheit. Die Religion gewährleistet keine Freiheit und garantiert sie auch nicht und zwar für niemanden - ohne Ausnahme! Nur die Menschenrechtserklärung darf sich das anmaßen, und nur eine Verfassung darf meine Freiheit gewährleisten. Demokratie in der arabischen Gesellschaft können wir nur auf der Basis ziviler, säkularer Staatsgewalten, auf der Grundlage der bürgerrechtlichen Gleichheit und des Laizismus erreichen.

Liegt also im Laizismus die Lösung?

Selbstverständlich. Ohne den Laizismus kann man keine moderne Gesellschaft bilden. Wenn es unser Ziel ist, eine freie und demokratische „arabische“ Gesellschaft zu errichten, müssen Minderheiten jeder Art und Andersdenkende bedingungslose Akzeptanz erfahren. Nur so gestalten wir eine fortschrittliche und weltoffene Gesellschaft. Der Laizismus richtet sich nicht gegen den individuellen Glauben. Der einzelne Mensch hat das Recht auf Religiosität; das ist eine individuelle Freiheit. In der Demokratie muss die Freiheit des Einzelnen respektiert werden.

Ist die heutige arabische Gesellschaft mit dem Laizismus kompatibel?

Leider nein. Aber das ist die Realität.

Warum konnten die arabische Gesellschaft und der Laizismus bisher nicht in Einklang gebracht werden?

Weil diese Gesellschaften noch die Sprache des Kalifats sprechen und das Prinzip der Eroberungen noch existiert. Schon allein die Herangehensweise, eine Gesellschaft heute immer noch unter dem Gesichtspunkt der Religion in Mehrheit und Minderheiten aufzuteilen, bestätigt ihre undemokratischen Strukturen.

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Das Gespräch führte der Lyriker Fouad El-Auwad. Er wurde 1965 in Damaskus geboren und lebt seit vielen Jahren in Deutschland.

Quelle: F.A.Z.
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