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Gedruckt oder digital? : Die Zukunft des Lesens

Für ihn war vertiefte Lektüre kein Thema: Carl Spitzwegs „Bücherwurm“, entstanden um 1850. Bild: Seeger-Press

Lesen wir mit Tablet und Smartphone anders als im gedruckten Buch? In dieser Frage hat jeder eine Meinung, kaum einer kann sie begründen. Gut, dass sie inzwischen gründlich erforscht wird.

          Am Ende werde ich besser begreifen, wer ich, der Leser, bin.“ Im Nachsatz zu seiner „Geschichte des Lesens“ stellt sich Alberto Manguel die Lektüre eines imaginierten Buchs gleichen Namens vor. In ihm, phantasiert der kanadische Gelehrte argentinischer Abstammung nicht ohne einen Hauch Koketterie, werde er von den Bräuchen der Leser erfahren, „vom Wandel dieser Bräuche und den Metamorphosen, die sich an ihnen selbst vollzogen, weil sie das Geheimnis der Verwandlung toter Zeichen in lebendige Erinnerungen mit sich führten, wie einst die Zauberer“.

          Vom Wandel, der das Publizieren und Lesen ergriffen hat, seit Manguels Buch 1996 im Original erschienen ist, konnte der Autor noch nichts wissen. Gerade einmal seit fünf Jahren war das World Wide Web damals tatsächlich weltweit verfügbar, selbstverständlicher Teil des Alltags war es noch nicht. Bis zur Idee, Bücher auch auf Mobiltelefonen lesbar zu machen, sollten noch sieben Jahre vergehen, über zehn bis zur Vorstellung von Amazons erstem Kindle und Apples erstem iPhone. Dass die technologischen Entwicklungen mit ihren Erfolgsgeschichten auch das Lesen und den Leser verändert haben, wird heute niemand bezweifeln. Wie man diese Entwicklungen beurteilt und was aus ihnen folgt, ist indes Gegenstand hitziger Debatten – aber auch umfassender Forschung.

          Ein Wettbewerb auf einem Bildschirm

          Mehr als hundertfünfzig Wissenschaftler aus mehr als dreißig Ländern haben sich Ende 2014 zur Initiative E-Read zusammengeschlossen, um die Entwicklung des Lesens im Zeitalter der Digitalisierung interdisziplinär zu untersuchen. Unter ihnen finden sich Psychologen und Pädagogen, Neuro-, Sozial- und Kulturwissenschaftler. Ihre Fragestellungen sind so vielfältig wie ihre Vorgehensweisen.

          Welchen Einfluss hat das Lesegerät auf unsere Fähigkeit, das Gelesene zu erinnern? Welchen darauf, sich ins Lesen auch vertiefen zu können? Oder sich in das Gelesene einzufühlen? Welche Unterschiede gibt es hierbei zwischen Jüngeren und Älteren, zwischen Leseanfängern und souveränen Lesern, zwischen Männern und Frauen, zwischen den sogenannten digital natives und digital immigrants? Wenn wir das Lesen als eine für unsere Zivilisation zentrale Technik begreifen: Welche kognitiven, kulturellen und sozialen Implikationen hat dessen Digitalisierung? Wie behauptet sich das Lesen dabei gegen andere Kulturtechniken wie das Spielen, das Zuhören oder das Zuschauen? Neu sei deren Wettbewerb um die menschliche Aufmerksamkeit zwar nicht, stellen Anne Mangen und Adriaan van der Weel, die beiden Leiter der Forschungsinitiative, nüchtern fest, neu sei allerdings, dass dieser Wettbewerb auf einem einzelnen Feld ausgetragen werde: dem digitalen Bildschirm.

          Jederzeit das Passende zu lesen

          Dabei, sagt Anne Mangen, Professorin am Nationalen Zentrum für Leseforschung der Universität Stavanger in Norwegen und bis August Gast am Center for Cognitive Neuroscience der Freien Universität Berlin, könne es nicht darum gehen, das überlegene Medium für jegliche Lektüre zu bestimmen, unabhängig von den unterschiedlichen Leseanlässen, von individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen.

          Die allgemeinen Vorteile von digitalen Lesegeräten sind nicht von der Hand zu weisen: ihre Speicherfähigkeit, die leichte Verfügbarkeit schier grenzenloser Textmengen, die Möglichkeit, die Größe der Buchstaben und die Helligkeit des Hintergrunds auf die eigenen Bedürfnisse abzustimmen. Wer in Texten sucht oder den Verweisen auf andere Texte direkt nachgehen will, wird die Vorteile des Bildschirmlesens schätzen. Sie beschränken sich allerdings nicht aufs wissenschaftliches Arbeiten, darauf weist die Kulturwissenschaftlerin Anezka Kuzmicova von der Universität in Stockholm hin: Leser könnten dank der Smartphones nicht nur jederzeit und überall mit ihrer Lektüre fortfahren, sie könnten sie sich auch ihren Bedürfnissen entsprechend vorschlagen lassen – stimmungs, zeit- oder ortsabhängig. Sie selbst sei als Mutter zweier kleiner Kinder derzeit froh über multifunktionale Geräte, die sich mit einer Hand bedienen ließen. Das Lesen dicker Bücher werde für sie vorerst ein Luxus bleiben.

          Eine Abwendung von der erfassbaren Welt

          Andererseits hat das Lesen am Bildschirm auch seine Nachteile. In ihrem zwei Jahre alten Buch „Words On Screen“ fasst die Linguistin Naomi Baron den Forschungsstand so zusammen: Das Lesen gerade längerer Texte sei auf dem Bildschirm schwieriger, das vertiefte Lesen, das Erinnern des Gelesenen, der persönliche Zugang und die emotionale Beteiligung fielen schwerer. Das Erinnerungsvermögen, erklärt der Niederländer Adriaan van der Weel, Buchwissenschaftler an der Universität Leiden, werde durch die physische Verortung des Gelesenen begünstigt: Wir verknüpfen bestimmte Textpassagen mit ihrer Position in einem konkreten Buch. Wenn wir beim Lesen scrollen oder auf demselben Gerät verschiedene Texte läsen, werde das verhindert.

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          Theresa Schilhab, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Aarhus, sieht diesen Verzicht auf physische Anker, der mit dem Gebrauch digitaler Multifunktionsgeräte einhergeht, in noch größerem Rahmen: Schon Babys würden mit iPads beruhigt, abgelenkt oder unterhalten und wendeten sich immer weniger der gegenständlichen, physischen Welt zu. Unsere unmittelbaren Erfahrungen nähmen ab. Das multimediale Füllhorn führe dazu, dass wir uns mit der wirklichen Welt immer weniger beschäftigten. „Ich möchte nicht nahelegen, dass diese Entwicklung ein Irrweg ist“, formuliert die Forscherin vorsichtig, „aber ich wäre froh, wenn wir uns ernsthafter mit den Folgen beschäftigen würden, die das für unser Lernen oder für unser Verständnis von der Welt haben könnte.“

          Nur nicht den Anschluss verlieren

          Selbstverständlich könne auf einem Tablet genauso eindringlich gelesen werden wie in einem Buch, stellt Adriaan van der Weel klar, es sei nur sehr viel weniger wahrscheinlich. Die Verbreitung von ausschließlich für das Lesen vorgesehenen digitalen Geräten wie dem Kindle oder dem Tolino halte sich in Grenzen. Und auf den Smartphones und Tablets konkurriere das Lesen mit der nächsten Whatsapp-Nachricht, einem Youtube-Clip oder dem raschen Blick in die Facebook-Timeline. Ablenkung sei ein Merkmal dieser Geräte, und es könne auch zum Merkmal von Texten werden, die eigens für diese Geräte entstanden seien. „Das Lesen hat Effekte, die wir nicht bewusst suchen, die aber beim Lesen gedruckter Texte gut zum Tragen kommen“, erläutert van der Weel: „der Rückzug aus der sozialen Umwelt, die Anregung der Phantasie, die Entwicklung von Empathie, die Entwicklung und Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit und der Disziplin, die Erweiterung des Wortschatzes oder abstraktes Denken. Wir werden sehen, inwieweit das Lesen am Bildschirm das ersetzen kann.“ Der Wissenschaft müsse es jetzt darum gehen, möglichst viele der unbeabsichtigten Effekte der Bildschirmtechnologie zu erkennen, um Vorhersagen treffen zu können, statt einfach abzuwarten, was passiert.

          So ungesichert unser Wissen über die Auswirkungen der Technik notwendigerweise ist, so groß ist der - künstlich erzeugte - Druck, sie einzusetzen: Der Versuch von IT-Firmen, Einfluss auf politische Entscheidungsträger und den Bildungsmarkt zu nehmen, sei enorm, sagt van der Weel. Die Unternehmen böten ihre „Lösungen“ mit der unheimlichen Warnung an, man müsse gerade im Einsatz von Technologien auf der Höhe der Zeit bleiben, um nicht zurückzufallen. Ein Schreckgespenst: „Derzeit fehlt jede gesicherte Erkenntnis, dass digitales Lesen die Auswahl an Bildungswerkzeugen wirklich sinnvoll ergänzt.“

          Für Erstklässler eine klare Sache

          Im Gegenteil: Anezka Kuzmicova berichtet von einer Erhebung der Lesegewohnheiten von Studenten in sechs europäischen Ländern. Die Teilnehmer hätten angegeben, lieber mit gedruckten Büchern statt mit E-Books zu lernen, weil sie den Eindruck hätten, sich das Gelesene so besser merken zu können. Im Jahr 2012 hatte Anne Mangen mit Kollegen fünfzehn und sechzehn Jahre alte norwegische Schüler Texte auf Computerbildschirmen und gedruckt lesen lassen. Sie konnte ebenfalls feststellen, dass die Lektüre auf Papier das Verständnis der Texte erleichtert. Im selben Jahr hatten Rakefet Ackerman und Tirza Lauterman Studenten unter Zeitdruck gedruckte und auf Bildschirmen angezeigte Texte lesen lassen, um ihnen anschließend Verständnisfragen zu stellen. Auch dabei hatte sich gezeigt, dass die Probanden nach der Lektüre auf Papier den Text besser begriffen haben - allerdings nur unter Zeitdruck: Ohne Vorgaben ließ sich kein signifikanter Unterschied feststellen. Man müsste erforschen, sagt Anne Mangen, wie das vertiefte Lesen auf Bildschirmen erleichtert werden könnte, um sicherzustellen, dass auch junge und sich noch entwickelnde Leser die Fähigkeiten ausbilden, die für diese Art des Lesens nötig sind. Die Harvard-Professorin Maryanne Wolf spricht von „kognitiver Geduld“, jener Millisekunde, die es zusätzlich braucht, um dichtere, komplexere, geistig und vielleicht auch emotional forderndere Texte zu lesen.

          Was aber ist mit denen, die nichts anderes gewohnt sind als Bildschirme? Theresa Schilhab erzählt von Gesprächen mit sieben Jahre alten Schülern einer dänischen iPad-Schule, in der ohne Bücher gelernt wird. Nach ihren Lesegewohnheiten gefragt, berichten die Erstklässler, sie würden am liebsten in die Bücherei gehen, weil die Entscheidung, was sie lesen wollen, bei gedruckten Büchern viel einfacher sei. Und ihnen gefällt, wie leicht es dann geht, gleich mit dem Lesen anzufangen: Man muss ein solches Buch einfach nur aufschlagen!

          Quelle: F.A.Z.

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