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Geschichtsschreibung : Das will ich archiviert sehen!

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Will den rechten Mob und niedergebrannte Flüchtlingsheime archiviert wissen: Frank Schätzing. Bild: dpa

Woher wollen wir wissen, ob Karl der Große überhaupt gelebt hat? Aus Archiven. Ganz trauen kann man ihnen aber nicht. Frank Schätzing schreibt ein Plädoyer für Skepsis, Phantasie und Humanität.

          Ein Mann hasst seinen Vater. Hat ihn schon immer gehasst. Sehr verkorkste Beziehung. Eines Tages glückt ihm die Konstruktion einer Zeitmaschine. Er reist zurück zu einem Tag vor seiner Zeugung, sucht seinen damals noch sehr jungen Vater auf und erschießt ihn. Als Folge wird er nie geboren, kann darum auch nicht zurück in die Vergangenheit reisen, um seinen Vater zu erschießen, weswegen er doch auf die Welt kommt, was ihn befähigt, zurückzureisen und seinen Vater zu erschießen, weshalb er nie geboren wird und so weiter, und so fort.

          Zeitreisen führen zu unauflösbaren Paradoxien. Die Wissenschaft hält sie darum für unmöglich. Jedenfalls Zeitreisen in die Vergangenheit. In die Zukunft reisen, mit Hilfe der Relativitätstheorie, das ginge unter Umständen, man bräuchte einen kleinen Neutronenstern oder ein schwarzes Loch, aber in die Vergangenheit – no way.

          Wie kommt es dann, dass wir trotzdem so viel über die Vergangenheit wissen, über die ferne und allerfernste Vergangenheit bis hin zum Urknall? War jemand von Ihnen beim Urknall dabei? Also, ich nicht. Im Römischen Reich? Französische Revolution? Waterloo? Wenn wir nicht in der Zeit zurückreisen können, warum haben wir dann Kenntnis über den Stoffwechsel der Archaebakterien im Präkambrium, Napoleons Hutgröße und die Liebschaften Josefine Mutzenbachers? Antwort: weil Zeitreisen doch möglich sind.

          Die Zeitmaschine im Kopf

          Erstens befinden wir uns alle seit dem Tag unserer Zeugung auf einer Reise durch die Zeit. Es ist nämlich keineswegs so, dass Zeit fließt, vergeht oder gar dahinrast. Zeit als solche hat keine dynamischen Eigenschaften, ebenso wenig wie Höhe, Breite und Länge sie haben. Die Raumzeit ist unveränderlich, ein Koordinatenkokon, durch den wir unsererseits reisen, mit vorgegebener Reisegeschwindigkeit und leider nur in eine Richtung, so dass wir nicht noch mal zurück können, um den Wasserhahn abzudrehen, bevor wir in Urlaub fuhren, und jetzt haben wir den ruinösen Wasserschaden, also, nächstes Mal kontrollier' ich alles doppelt und dreifach, hättste übrigens auch dran denken können.

          Hättste – richtig! Denn zweitens hat jeder die für Zeitreisen erforderliche Zeitmaschine im Kopf. Unser Hirn ist diese Zeitmaschine, mit der wir unentwegt reisen, in die Zukunft, in die Vergangenheit. Zurück zum Wasserhahn, zu Omas Geburtstag, in den Urlaub vergangenen Sommer, wo’s so geregnet hat, zur Einschulung der Kinder, weißte noch, also, ich weiß noch genau, ich seh’s förmlich vor mir, die kleine Lucy mit der Schultüte in ihrem roten Mäntelchen. – Nee, hör mal, das war nicht rot, das war blau. – Quatsch, das war rot, erinner ich mich ganz genau. – Das war nicht rot. – Ich werd doch wohl noch wissen, was meine eigene Tochter... und wenn’s jetzt keine Fotos gibt, wird’s kritisch.

          Die EINE Vergangenheit

          Zeitreisen sind darum möglich, weil jeder ein Archiv im Kopf hat, in dem seine jeweilige Vergangenheit lückenlos abgelegt ist. Mehr oder weniger lückenlos. Die besten Partys sind bekanntlich jene, an die man sich nicht erinnert, aber im Großen und Ganzen lässt sich die Lebensroute gedanklich gut befahren. So reist jeder von uns in die Vergangenheit. – In DIE Vergangenheit? – Na, ich weiß doch noch, was die anhatte. – Nein, das hatte die nicht an. – Doch, genau das! – Das war anders, frag mal den Heinz. – Wieso, der war doch gar nicht dabei. – Der war dabei!

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