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Fazit zum Bachmannpreis : Schluss mit Skandalen

Die Gewinner: Bov Bjerg, Özlem Dündar, Tanja Maljartschuk, Raphaela Edelbauer und Anna Stern Bild: dpa

Kaum Polemik, kein Gebrüll, viel Sachlichkeit: Die Ukrainerin Tanja Maljartschuk gewinnt den Bachmannpreis – auch weil die Jury wenig Lust am Enträtseln hat.

          Jeden Sommer geht es in Klagenfurt wieder um die Frage, was man mit dem Bachmannpreis eigentlich auszeichnen will. Literarische Avantgarde oder doch eher die gut gemachte, realistische Erzählung? Die dramatische, die kabarettistische Performance oder den nackten Papiertext, wie er jenseits der Lesesituation mit klagenfurttypischen Begleiterscheinungen später vor einem liegt? Soll prämiert werden, dass jemandem ein Experiment gelungen ist, etwa jenes, als Nichtmuttersprachler seinen ersten Text auf Deutsch zu schreiben? Oder soll vielleicht doch die Frage im Vordergrund stehen, ob ein Text möglicherweise kanonisch werden könnte, erinnernswert über Jahre, vielleicht auch für eine besondere Ästhetik, die als typisch für ein dahinterstehendes Werk gelten kann?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass man sich zwischen diesen Optionen nicht wirklich entscheiden muss, weil es „den Bachmannpreis“ im Grunde schon seit einer Weile nicht mehr gibt, sondern inzwischen vier Jury-Preise und einen Publikumspreis bei vierzehn Teilnehmern, ist vielleicht erfreulich für die Letzteren, aber es trägt nicht unbedingt zur Spannung und zur Wirkung des Hauptpreises bei. Und über den langwierigen, teils absurden Abstimmungsvorgang mit Stichwahlen und Unterstichwahlen, der am Ende der „Tage der deutschsprachigen Literatur“ zur Ermittlung der Jury-Preise führt, ist an dieser Stelle schon zuvor berichtet worden.

          Weniger Polemik, mehr sachliche Arbeit am Text

          Man kann freilich auch dem einzigartigen, viertägigen Fernseh-Live-Event seit je mit einer „Der Weg ist das Ziel“-Attitüde begegnen, bei der es gar nicht so sehr um das Ergebnis geht, und in diesem Sinne ließ sich am Sonntag auch Jury-Präsident Hubert Winkels vernehmen, der in seinem Schlusswort von einem Vorgang der „Zivilisierung“ im Laufe der Jahrzehnte des Preises sprach: weniger Polemik, mehr sachliche, feingliedrige Arbeit am Text.

          Insa Wilke, neu in der Jury, stand für die Tugenden einer insgesamt faireren und argumentativeren Kritik in Klagenfurt ein.

          Wenn man an die spektakulären, auf Youtube konservierten Poltereien der Vergangenheit etwa von Marcel Reich-Ranicki oder die bösen Spitzen von Daniela Strigl oder Paul Jandl denkt, bestätigt sich der Eindruck einer heute insgesamt faireren und argumentativeren Kritik in Klagenfurt. Insbesondere die neu in die Jury gekommene Insa Wilke stand für diese Tugenden ein, beharrlich etwa, als sie den von ihr vorgeschlagenen Joshua Groß gegen einen vorschnell aufgedrückten Stempel „Pop-Literatur“ verteidigte, das hier als Stigma einer überkommenen Ästhetik verstanden wurde. Doch abgesehen von dem seine Rolle als gelegentlicher „bad cop“ gern spielenden, dabei sich auch schon einmal im Ton vergreifenden Klaus Kastberger fehlt es in der Jury bei gewissen Steilvorlagen misslungener Formulierungen oder ganzer Texte manchmal an der Bissigkeit, diese zurückzuschmettern.

          Die Besonderheit des diesjährigen Wettbewerbs bestand in einer ganzen Reihe von abgerundeten, zugänglichen Erzähltexten, die in der Tradition der Kurzgeschichte oder Novelle standen und die Winkels als „well made“ charakterisierte – und nicht so sehr in der in Klagenfurt beliebten Tradition des selbstauferlegten Perspektiven-Experiments.

          Eine solche Kurzgeschichte war zum Beispiel die von Joshua Groß, „Flexen in Miami“. Am Rande eines Basketballspiels sieht sich der Erzähler plötzlich mit der neben ihm stehenden jungen Frau von der „Kiss-Cam“ eingefangen und für alle sichtbar auf die Videoleinwand gebeamt – eine Situation, in der alles Erleben medial determiniert scheint, dargestellt in einer gegenwärtigen, mit Slang durchsetzten und oft ins Englische drängenden Sprache.

          Die in Wien lebende Ukrainerin Tanja Maljartschuk hat mit ihrer Geschichte über eine demente Frau und einen illegalen Einwanderer den Bachmannpreis gewonnen.

          Ähnlich handgreiflich-welthaltig war die Kurzgeschichte „Frösche im Meer“ der gebürtigen Ukrainerin Tanja Maljartschuk, die damit ihren ersten auf Deutsch geschriebenen Text vorlegte. Der Titel enthält bereits das Bild des Geworfenseins in eine nicht natürliche Umgebung, das Flüchtlinge erleben. Die Geschichte, der die Jury Schulbuchcharakter zuschrieb, handelt von einem ukrainischen Migranten in Österreich, der sich bei einer dementen Frau einmietet. Er heißt Petro, aber sie nennt ihn Hans, denn sie hält ihn für ihren verstorbenen Mann. Das hat tragikomisches Potential, zumal die Sache natürlich irgendwann auffliegen muss. Und schließlich hatten auch die Erzählungen von Corinna T. Sievers, Stephan Lose und Bov Bjerg Qualitäten der klassischen Short Story, und zwar exzeptionelle.

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