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Eine Reise zu Julia Mann : Zwischen Affen und Papageien

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Julia Mann wuchs an der brasilianischen Küste in der Villa „Boa Vista“ auf. Bild: Josef Oehrlein

Ihre Söhne Thomas und Heinrich schrieben Weltliteratur, aber sie hätte lieber eine ganz andere Familie gehabt: Ein Besuch in Paraty, der brasilianischen Heimat von Julia Mann.

          Eigentlich ist es unwahrscheinlich, dass das schöne Anwesen noch steht. Aber wirklich: Es steht noch, wenngleich verfallen, man müsste es gründlich und schonend renovieren. Nicht wenige der Fenster stehen offen, und üppige Pflanzen wuchern, schön herunterhängend, auf den flach geneigten Dächern. Wir sahen das Gebäude nur von außen, kamen aber ganz heran. Oben vor dem kurzen Weg, der bis zum Ufer steil nach unten führt, wurde, als wir „Julia Mann“ sagten, gleich die Schranke geöffnet.

          Hier also verbrachte die Mutter von Thomas und Heinrich Mann (und auch von Julia, Carla und Viktor) ihre ersten sechs bis sieben Jahre. Damals hieß sie Julia da Silva-Bruhns. Sie wurde 1851 geboren, als die Familie gerade hierher zu dieser Fazenda umzog. Und die kann wirklich nur heißen, wie sie heißt: „Boa Vista“. Denn kaum könnte es eine bessere, schönere Aussicht geben: ein ruhiges, weit hingezogenes, buchtenreiches Meerufer, dicht bewaldete Berge hinter den Buchten und ebensolche auf der anderen Seite, auf der wir stehen, ziemlich steil ansteigend und schon kurz hinter der Fazenda beginnend.

          Sie selbst in der dritten Person

          Die kleine Stadt Paraty, zu der das Anwesen gehört, ist wunderschön: zauberhafte koloniale Architektur aus dem 18. Jahrhundert – und alles vor dieser unwirklichen blau-grünen Kulisse. Rio de Janeiro ist nicht weit, aber vier, fünf Stunden mit dem Wagen sind es doch. Die Fahrt geht fast immer am Meer entlang, vorbei an sehr vielen Inseln. Die größte unter ihnen, die Ilha Grande, ist heute ein Naturparadies. Auch diese Insel, unserer Fazenda ziemlich gegenüber, kannte das Mädchen Julia da Silva-Bruhns.

          Ihre Mutter hieß Maria Luiza da Silva und war die Tochter eines reichen brasilianischen Pflanzers aus Angra dos Reis. Deren Mann wurde nun aber, als sie fünfzehn war, Johann Ludwig Hermann Bruhns aus Lübeck, der im frühen 19. Jahrhundert sechzehnjährig eingewandert war. Auch Ludwig Bruhns war reich oder war es geworden. Julia und Ludwig hatten fünf Kinder, und Julia war das vierte. Mit achtundzwanzig, bei der Geburt des sechsten, starb Maria Luiza.

          Da zog der junge Witwer mit den Kindern dorthin zurück, woher er als Knabe gekommen war: nach Lübeck. Die Überfahrt dauerte zwei Monate. Darüber und über die Zeit davor und danach hat Julia Mann geschrieben – eine etwas kindliche, schwärmerische, traurige und rührende Erzählung, die erst 1958 veröffentlicht wurde: „Aus Dodos Kindheit“. Da schreibt Julia von sich selbst in der dritten Person: „Im Urwalde, nahe dem atlantischen Ozean, südlich des Äquators, war es, wo Dodo das Licht der Welt erblickte. ,Unter Affen und Papageien‘, wie ihr der Pai“ – der Vater – „später in Deutschland erzählte.“ Von dort sei es „mit einer Negerschar“ in das „neue Domizil“ gegangen, „wo Dodo zwischen Meer und Urwald aufwuchs“. Da also meint sie die „Fazenda Boa Vista“. Nun, der Pai kehrte bald von Lübeck nach Brasilien zurück.

          Gute Kenntnis des deutschen Liedes

          Es zog ihn, hören wir, wieder dorthin – die Fremde war nun einmal in ihm. Er gründete eine neue Familie. Julia aber, in Lübeck zurückgelassen, kommt ins Pensionat der Therese Bousset. Diese nun ist das Urbild der Sesemi Weichbrodt in „Buddenbrooks“. Fräulein Weichbrodt erhält im Roman ja das allerletzte Wort, womit die „kleine, strafende, begeisterte Prophetin“ bekräftigt, was Tony Buddenbrook oder Frau Permaneder leichtsinnig gerade in Zweifel gezogen hatte: Doch, ganz sicher, es gebe mit all den nunmehr Entschwundenen nach dem Tode ein Wiedersehen. „Es ist so.“

          Als Julia noch nicht einmal ganz achtzehn ist, heiratet sie den zehn Jahre älteren Senator Johann Thomas Heinrich Mann. Eine große Liebe war oder wurde dies kaum. Am Ende des Berichts „Aus Dodos Kindheit“, den sie 1903 schrieb (da war ihr Mann schon zwölf Jahre tot), bedauert sie, dass ihre „Mädchenjahre“ so früh geendet hätten und es sich „gefügt“ habe, „dass die Pflichten der Hausfrau und Mutter begannen“. Dies ist vielsagend wortkarg. Ja, und dann hatte ihr der Vater zuvor, davon schreibt sie traurig auch, einen jungen Mann ausgeredet, in den sie nun wirklich heftig verliebt war, einen gewissen Paul Stolterfoth. Was wären - literarisch - die Folgen gewesen, wenn ihr der Vater da nicht hineingeredet oder, ebenfalls denkbar, Julia sich ihm nicht gefügt hätte? Viel also hat, bisher ganz ungewürdigt, der Brasilianer Ludwig Bruhns für die deutsche Literatur getan, denn zu den „Manns“ wäre es ohne ihn nicht gekommen. Und was hatte Bruhns eigentlich gegen jenen Paul Stolterfoth? Wir wissen lediglich, dass die Nachricht von der Verlobung Julias mit dem Senator Mann, so schrieb Bruhns der Tochter eher trocken aus Rio, für ihn eine „frohe Nachricht“ war.

          Thomas Mann teilte 1939 auf Anfrage seiner reichen und oft sehr hilfreichen, ihm aber auch ziemlich lästigen Freundin Agnes E. Meyer mit, seine Mutter habe sich, „solange sie den großen Hausstand leitete, durchaus als angepasstes Kind der Stadt und ihrer oberen Gesellschaft“ verhalten - „aber Unterströmungen von Neigungen zum ,Süden‘, zur Kunst, ja zur Boheme, waren offenbar immer vorhanden“. Ganz besonders begabt sei die Mutter musikalisch gewesen. Sie habe über ein „geschmackvolles, bürgerlich ausgebildetes Klavierspiel“ verfügt, das zudem (also übers Bürgerliche hinausgehend) „sinnlich feinfühlig“ gewesen sei – vor allem an Chopins „Nocturnes“ und „Etüden“ erinnert er sich, auch an ihre „feine Gesangskunst“: eine „kleine, aber sehr liebliche Stimme“. Wenn Thomas Mann die Musik so ungeheuer wichtig wurde, wichtiger wohl als keinem anderen der großen deutschen Schriftsteller, hat dies mit Julia zu tun: genetisch zunächst und dann von dem her, was er früh, wie Hanno lauschend neben dem Flügel sitzend, erlebte. Ihr verdanke er seine „gute Kenntnis des deutschen Liedes“. Und dann war da „ihre unverkennbar spanische Turnüre“ (großzügig macht der Sohn zwischen portugiesisch und spanisch keinen Unterschied), nicht zu vergessen der „Elfenbeinteint des Südens“, „eine edel geschnittene Nase“ und schließlich „der reizendste Mund“, der ihm „vorgekommen“.

          Sehnsucht nach der fernen Kindheit

          Zudem war Julia sprachbegabt. Das Portugiesische verlernte sie zwar nahezu ganz. Dies ist aber, da nun keiner mehr um sie herum die Sprache der Fazenda redete, vollkommen normal, bedenkt man das Alter, in dem sie aus dieser Sprache herausgenommen wurde. Und normal ist auch, wieder vom Alter her, dass sie das Deutsche rasch so lernte, als wäre sie in Lübeck zur Welt gekommen (so elastisch bleibt das Gehirn bis ungefähr ins achte Jahr). Es ist auch nicht erstaunlich, dass Julia sich das Lübecker Platt vollständig erwarb: Sie „beherrschte es besser“, so Thomas Mann, „als irgendjemand im Hause“. Vor allem aber hatte sie – mehr als passabel – Englisch und Französisch gelernt. Zudem hatte sie etwas, das in Thomas und Heinrich und in den Töchtern Carla und Julia ohne Zweifel wiederkehrte: schauspielerisches und parodistisches Talent. Viel und ausdrucksvoll hat sie auch, etwa aus Grimms und Andersens Märchen, den Kindern vorgelesen.

          Julia Mann mit ihren Kindern Julia, Heinrich und Thomas (von links)

          1893, zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, zog Julia nach München, wohin ihr Thomas fünf Jahre später folgte. Dort blühte die „Frau Senator Mann“, wie sie auch in München genannt wurde, auf. Sie nahm gar am Fasching teil, was die Söhne ziemlich befremdete, sogar den unbürgerlichen Heinrich. Der Suizid der Tochter Carla, 1910, in ihrem eigenen Haus in Polling, traf Julia sehr hart. In anderer Weise dann auch die Knappheit der Kriegszeit und der Zeit danach. Die Inflation reduzierte ihr Vermögen. Die „arme Mama“, wie die Söhne zu sagen pflegten, starb, nach letzten sehr ruhelosen Jahren (da waren seltsam viele Umzüge), 1923 in dem Dorf Wessling bei München. In den Werken Thomas Manns gibt es einige Anspielungen auf sie, kaum aber mehr. Gerda Buddenbrook, geborene Arnoldsen, die Geigerin, hat ja doch wenig mit ihr zu tun. Er, der so vieles und so vorzüglich verwertete, hat gerade die Mutter ausgespart. Auch seiner Tochter Erika fiel dies auf.

          Für Julia war die Erinnerung an die schöne Fazenda am fernen grünen Ufer des Atlantiks immer präsent. Und am Ende, wie es zu gehen pflegt, wohl noch mehr. In jener Erzählung über „Dodo“, die sie zwanzig Jahre vor ihrem Tode, aber längst schon in München schrieb, lesen wir: „Je älter Dodo wird, desto mehr und lieber gedenkt sie ihrer Kindheit und sucht immer sehnsüchtiger, den Schleier, der sich immer dichter davorlegt, zu durchforschen, immer märchenhafter, unerreichbarer und schattenhafter aus einer versunkenen Welt taucht Dodos Kindheit vor ihren Augen auf, unwiederbringlich.“

          Vom direkten Erleben her konnte Paraty nicht sehr stark in ihr gewesen sein, indirekt aber schon, weil sie intensiv wusste, schon weil man es ihr immer wieder sagte, dass sie, diese Lübeckerin, die sogar das Platt dort so gut beherrschte, ganz anderswoher kam und dass es dort – „zwischen Affen und Papageien“ – nicht nur sehr anders war als in Lübeck, sondern auch als in dem freieren, südlicheren, gelegentlich sogar leuchtenden München.

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