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E-Book-Wasserzeichen : Wo Schutz aufhört, fängt Manipulation an

Gelegenheit soll keine Diebe machen: Die Buchbranche sucht nach Wegen, Raubkopien von E-Books zu unterbinden Bild: dpa

Neues Verfahren gegen E-Book-Piraterie: Das Fraunhofer Institut entwickelt eine Kennzeichnung legal erworbener Buchdateien, um Raubkopien zurückverfolgen zu können - durch automatisierte Änderungen im Text.

          „Liebe Textschaffende“ - der Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels (MVB), die Wirtschaftstochter des Börsenvereins, hat sich mit einer seltsamen Bitte an Autoren, Lektoren und Literaturagenten gewandt: Bei fünfzehn Textauszügen, die in je zwei minimal voneinander abweichenden Fassungen nebeneinandergestellt sind, sollen die Befragten notieren, welchen der beiden Absätze sie für das Original halten und wie störend sie die Abweichung empfinden. Bei einem Exzerpt aus Goswin Uphues’ „Einführung in die moderne Logik“ ist im einen Text vom „Zorn und Unwillen der Mutter“ die Rede, im anderen hingegen von ihrem „Unwillen und Zorn“, bei einem Satz aus August Oetkers „Grundlehren der Kochkunst“ findet sich einmal „ungesund“, einmal „nicht gesund“, in einem Satz aus Freuds „Motiv der Kästchenwahl“ stehen „Phantasietätigkeit“ und „Phantasie-Tätigkeit“ zur Wahl.

          Diese Abweichungen können automatisch produziert werden. Für das Fraunhofer-Institut für sichere Informationstechnologie, die Technische Universität Darmstadt, eine Kanzlei und eine Reihe von Unternehmen prüft der MVB gerade, was es heißt, wenn mit solchen Änderungen E-Book-Dateien beim ersten Herunterladen unverwechselbar kenntlich gemacht werden, so dass eine spätere Raubkopie auf diese eine legale Datei zurückgeführt und ihr Besitzer zur Rechenschaft gezogen werden kann. Mit seinem Fragebogen erkundet der MVB die Akzeptanz dieses Verfahrens bei den „lieben Textschaffenden“. Dazu zählen Dichter und Schriftsteller, die beim Schreiben und mit ihrem Lektor um jedes Komma ringen. Dazu zählen Wissenschaftler, deren Werke auch als E-Books zitabel bleiben müssen - wie auch immer das gewährleistet werden kann, wenn ein Algorithmus bei jeder legalen Kopie eine minimale Veränderung vornimmt und ein Text schließlich in Tausenden voneinander abweichenden Versionen vorliegt.

          Die Sorge der Verlage nimmt ab

          Auch wenn sich die Projektmitarbeiter einig sind, dass dieses Verfahren bei Gedichtbänden keine Anwendung finden sollte, wie Martin Steinebach, Ansprechpartner beim Fraunhofer-Institut, dieser Zeitung versichert, auch wenn die Parametrisierung von Genre zu Genre unterschiedlich sein, Belletristik also anders behandelt werden kann als Unterhaltungsliteratur, auch wenn aus Big-Data-Analysen entstandene Abgleichlisten verhindern sollen, dass zum Beispiel aus „Lug und Trug“ leichthin „Trug und Lug“ wird: Seitens der Autoren schlägt dem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt SiDiM - die Abkürzung steht für „Sichere Dokumente durch individuelle Markierung“ - eine Welle der Empörung entgegen.

          Auch die Haltung des Branchenverbands ist eindeutig: „Diesen Weg“, sagt Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis, „hält der Börsenverein für sehr bedenklich, weil am Kern des Produkts Manipulationen vorgenommen werden.“ Dass einer letzte Woche veröffentlichten Studie des Börsenvereins zufolge unter den hiesigen Verlagen die Angst vor Umsatzeinbußen durch illegal verbreitete Kopien ihrer Bücher abnimmt, hält Skipis für das Zeichen eines zunehmend professionellen Umgangs mit dem Thema. 72 Prozent der Befragten hatten im Jahr 2011 Verluste durch Raubkopien als wachsende Bedrohung angesehen, 46 Prozent fühlten sich gar direkt betroffen. 2012 waren es nur noch 64 und 36 Prozent.

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