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Literaturfest in Ascona : Ein Schiff wird kommen – aber was für eines?

Am Anleger in Ascona Bild: Picture-Alliance

Beim Literaturfestival am Monte Verità zeigt sich der einstige Zufluchtsort für Lebensreformer als Frühlingsparadies. Doch dann stört drastische Dokumentarliteratur das Idyll empfindlich.

          In der Bahn von Bellinzona nach Locarno sitzen verwöhnte Jugendliche mit teuren Turnschuhen und hören laut Hiphop. Als die ersten Ansichten des Lago Maggiore durch das Zugfenster dringen, an dessen Ufern es grünt und blüht wie verrückt, wird schnell klar, warum dieser Landstrich als reich gesegnet gelten kann. Am Lido von Ascona dann, wo Schweizer Bergwelt auf italienisches Klima trifft, wird vollends deutlich, dass es wohl kaum einen behaglicheren Ort geben kann als diesen, zumal im Frühling, wenn hier die Sonne schon Kraft hat, die Luft aber angenehm kühl ist und eine leichte Brise vom See kommt.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Das haben vor etwas mehr als hundert Jahren auch die Aussteiger bemerkt, die in einem Hügel über Ascona, von dem außergewöhnlicher Magnetismus ausgehe, den Berg der Wahrheit erkannten und ihn „Monte Verità“ tauften, sich dort „vegetabil“ oder sogar nur vom Licht ernähren wollten. Dass der frühere Ort der Asketen heute einer der Luxus-Spitzenklasse ist, der stellenweise auch befremdliche Auswüchse der nouvelle richesse zeigt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie – wobei die Vermarktung der Idylle schon früh einsetzte.

          Die Casa Anatta am Monte Verità
          Die Casa Anatta am Monte Verità : Bild: J. Wiele

          Die Vorstellungen vom Garten Eden haben sich in Ascona inzwischen etwas verändert. 1908 eröffnete hier ein ungarischer Tolstoi-Anhänger die vegetarische Volkswirtschaft „Heidelbeere“, 2008 glaubte auch ein gewisser Oliver Bierhoff das Paradies gefunden zu haben – und zwar in seiner Funktion als Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, die während der damaligen Europameisterschaft in Ascona Quartier nahm. Sie nächtigte aber nicht in den berühmten Licht-Luft-Hütten auf dem Hügel, sondern in mit Spielkonsolen ausgestatteten Edelsuiten neben dem Golfplatz.

          Auf dem Monte Verità steht inzwischen ein Tagungszentrum. Ende Mai wird dort aber auch die Casa Anatta wiedereröffnet, eine theosophische Holzvilla, und in der Ausstellung wird man dann sehen können, wie überaus stark der Monte Verità die europäische Kulturgeschichte geprägt hat: von Reformbewegungen bis zu Kunst, Architektur, Literatur und Tanz, von Bakunin und Gusto Gräser über Max Weber und die Dadaisten bis zu Harald Szeemann.

          Nichts leichter also, als sich an diesem Ort mit hochfliegenden Ideen zu beschäftigen, und sei es auch nur für die Dauer eines kurzen Sanatoriumsaufenthalts? So etwas verspricht das vom Dichter und Impresario Joachim Sartorius unter Beratung seines italienischen Kollegen Paolo di Stefano kuratierte Festival „Eventi letterari Monte Verità“, das nunmehr im fünften Frühling unter dem Oberthema „Utopie“ steht und Literaten aus aller Welt hierherbringt.

          Umberto, warst Du auf dem Mond?

          Um vielleicht nicht zu abgehoben zu wirken, ist das Festival inzwischen vom Zauberberg herunter an die Seepromenade gewandert: Dort schaut man aus dem dafür aufgebauten Literaturzelt direkt auf Wasser, während nebenan Eis und Aperol Spritz serviert werden. Besteht also die Gefahr, dass es sich hier „nur“ um gepflegte Abenteuer-Unterhaltung handelt? Zuweilen kann der Eindruck entstehen, wenn etwa Christoph Ransmayr, begnadeter Erzähler und Vorträger, der er ist, einen mit seinen märchenhaften Reisegeschichten in den Bann zieht oder der frühere Astronaut Umberto Guidoni, der als erster Europäer auf der Raumstation ISS war und heute Sachbuchautor ist, vom Weltall erzählt und die zahlreichen Kinder, die hierzu auch erschienen sind, später mit großen Augen fragen: Umberto, warst du auf dem Mond? Sind die Sterne rund?

          Und doch gibt es einen krassen Kippmoment, am Samstagnachmittag, mitten in der Sonne des lieblichen Tessins. Der slowenische Autor Aleš Šteger beschreibt, während der Blick des Zuhörers übers Wasser zu den Brissago-Inseln schweift, wo einst beseelte Nacktschönheiten sich im Ausdruckstanz übten, eine weit weniger liebliche, metaphorische Insel: nämlich jenen Park am Belgrader Busbahnhof, der zur Transitstation von Flüchtlingen auf dem Weg nach Westeuropa geworden ist. „Pussy Park“ wird der Ort auch genannt, weil viele sich dort auch in ihrer Not prostituieren – es ist ein Stück anklagender dokumentarischer Literatur aus Štegers „Logbuch der Gegenwart“.

          Ein Kippmoment

          Man hat sich davon kaum erholt, als die seltsame Koinzidenz noch konkreter wird: Die in Baku geborene deutsche Schriftstellerin Olga Grjasnowa liest gerade aus ihrem neuen Roman „Gott ist nicht schüchtern“ über syrische Flüchtlinge, die auf der Insel Lesbos ein Schlauchboot besteigen, da sieht man auf dem Lago Maggiore majestätisch das Passagierschiff „Capriolo“ den Anleger erreichen. Und während in Ascona gerade die Oberfläche des Sees unter einem diesigen Himmel fast unwirklich schön zu glitzern beginnt, erzählt dann der italienische Journalist und Autor Alessandro Leogrande die drastischste von drei Flüchtlingsgeschichten, eine aus der Perspektive von Tauchern nämlich, die aus einem vor Lampedusa gesunkenen Boot eine um die andere Leiche bergen.

          Das Panel mit den drei Autoren wirkt wie eine unmittelbare Provokation, sowohl angesichts des Festivalorts als auch des Utopie-Themas: Es erscheint fast gespenstisch, wie hier erzählter Horror und die Wirklichkeit der Zuhörer in eine erschütternde Paradoxie treten, aber womöglich ist genau dies auch durch geschickte Programmplanung so beabsichtigt gewesen.

          Anschließend diskutieren die Schriftsteller über den angemessenen Stil der beschriebenen Verzweiflungsszenen. „Alles, was man sich vorher angegrübelt hat, fällt weg“, die Sprache werde wie von allein sehr karg, sagt Aleš Šteger. In seiner Prosa gibt es neben der naturalistischen Beschreibung des Elends manchmal aber auch den direkten Appell: „Wo bist du, Mutter Europa?“, fragt er. Solche engagierte Literatur, die, liest man sie nur auf Papier und unter rein ästhetischen Gesichtspunkten, allzu plakativ und geheimnislos aussehen könnte – hier und genau in dieser Vortragssituation an einem der privilegiertesten Orte der Welt entfaltet sie größte Wirkung.

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