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Schriftsteller Richard Ford : Es war einmal in Amerika

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Meisterliches Gespür für die Aussagekraft kleinster Gesten und Momente: Schriftsteller Richard Ford. Bild: interTOPICS /Gary Doak

Einfühlung in längst vergangene Leben: Richard Ford widmet seinen Eltern ein bewegendes Doppelporträt. Der amerikanische Schriftsteller begibt sich auf die Spur einer fragmentierten Erinnerung.

          Die Gräber seiner Eltern hat Richard Ford nie besucht – aus Liebe und Respekt vor ihnen, wie er sagt. Denn am meisten konnten sie das Leben immer dann genießen, wenn sie es in enger und fast weltvergessener Gemeinschaftlichkeit führten, zumal in den ersten sechzehn Jahren ihrer Ehe, als sie noch kinderlos waren, weder Hab und Gut noch Haus und festen Wohnsitz hatten. Im Firmenwagen, der dem Vater auf Spesenrechnung zustand, fuhren sie jahraus, jahrein durchs weite Land – Mississippi, Alabama, Nord-Louisiana, Süd-Arkansas –, übernachteten in günstigen Motels, lernten dort gelegentlich Kollegen, das heißt andere Handlungsreisende kennen, unterhielten aber sonst keinerlei Sozialkontakte, erst recht nicht zur eigenen Familie. Fernsehen gab es noch keins, Bücher galten ihnen nichts. So waren sie sich selbst genug und glücklich.

          Als der Vater jedoch 1960 starb, mit Mitte fünfzig, holte ihn sein Bruder eigenmächtig vom Bestatter und ließ ihn im Familiengrab beisetzen. Die Mutter war viel zu benommen, um dagegen einzuschreiten. Für sie war ohnehin kein Platz. Als sie selbst starb, mehr als dreißig Jahre später, wurde sie andernorts begraben. So gibt es denn für ihren Sohn seither keinen gemeinsamen Erinnerungs- und Trauerort. Die getrennten Gräber meidet er.

          Ford folgt seinen eigenen Erinnerungen

          Stattdessen folgt Ford eigenen Erinnerungen und versucht, aus den Spuren und Erzählfragmenten, die ihm selbst nach langer Zeit geblieben sind, so etwas wie ein Doppelporträt jener Lebensgemeinschaft zu zeichnen, der er seine eigene Existenz verdankt. Gerade weil sie uns in aller Regel von Geburt an so vertraut und nah sind, bleiben einem Eltern unzugänglich, im strikten Sinne unvorstellbar, so dass, wie Ford erklärt, „das umfassende Kennenlernen unserer Eltern zu den größten Herausforderungen für uns alle gehört“. Eine Schlüsselszene dafür war als Kind eine Begegnung auf der Straße, als ihn eine ältere Nachbarin anspricht und umstandslos fragt, wer er sei. Als er seinen Namen sagt, erwidert sie: „Ach ja. Deine Mutter ist die niedliche kleine Schwarzhaarige von weiter oben.“ Die Mutter niedlich? Der Sohn hätte selbst nicht einmal gewusst, ob sie groß oder klein war, denn ein Bewusstsein dafür, wie sie von außen wahrgenommen wird, hatte er noch nicht gewonnen. Es macht die suggestive Spannung dieses ungemein berührenden Erinnerungsbuchs aus, wie behutsam es solche Überlagerungen von Außen- mit Innenansichten erkundet und vermittelt.

          Zwei Anläufe unternimmt der Autor, mittlerweile selbst im achten Lebensjahrzehnt stehend, der unbekannten elterlichen Existenz in Erzählversuchen näherzukommen. Das Porträt des Vaters, das den ersten Teil ausmacht, ist kürzlich entstanden, das anschließende Porträt der Mutter bereits 1981, kurz nach ihrem Tod. Zusammen wirken sie wie ein kubistisches Gemälde, in dem wir ein und dieselbe Figur bruchstückhaft aus zwei verschiedenen Blickwinkeln erkennen und somit aufgefordert werden, die Bedingtheit unserer eigenen Blicke zu bedenken. Genau das unternimmt der Autor hier: „So viele Kleinigkeiten trugen sich zu, dass es für ein ganzes Leben reichen würde. Früher hatte ich mehr davon im Gedächtnis als heute. Ich habe Erinnerungen notiert, Auffälliges in Romanen versteckt, einzelne Geschichten immer wieder erzählt, damit sie für mich zugänglich blieben. Aber Bruchstücke können durchaus für das Ganze stehen.

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