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Veröffentlicht: 14.08.2016, 11:30 Uhr

Wichtigste Romane des Herbstes Welchem Buch die Stunde schlägt

Es gibt Autoren mit Einfühlungsvermögen und solche mit Wortgewalt und Witz. Alles Weltliteratur? Ein Ausblick auf die schönsten Romane, die in Kürze erscheinen.

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Weltliteratur, das ist ein großes Wort, und es bedurfte eines selbstbewussten Geistes, den Begriff zu prägen. Die Einordnung neuer Bücher in diese Kategorie grenzt an Hybris: Wie sollen sie den Vergleich mit dem, was Goethe darunter fasste – Bücher, die zur ganzen Welt sprechen und ihr vor allem auch etwas zu sagen haben –, aushalten? Notwendig erst mit der Zeit erweist sich, was von einem Buch bleibt und ob es Verbreitung über die eigene Sprachgrenze hinaus findet.

Andreas Platthaus Folgen:

Aber wie steht es um Weltliteratur in einem bescheideneren Verständnis, um Literatur, die uns die Welt erschließt? Die thematisch nicht in nationalen oder kulturellen Grenzen verbleibt, sondern den Blick weiter richtet, auf den Austausch zwischen Ländern und Gesellschaften, inklusive der Missverständnisse, die daraus entstehen. Oder bei der es sich um Literatur handelt, die auch innere Grenzen überschreitet, an denen unsere Erfahrung üblicherweise haltmacht, weil jenseits davon ein derart unbekanntes Gebiet liegt, dass wir den Eintritt lieber nicht wagen wollen.

Aber haben wir eine Wahl? Die Begrüßungs- oder besser: Verfluchungsfloskel über dem Eingang zur Hölle, wie Dante sie vor siebenhundert Jahren in der „Commedia“ erfunden hat – „Ihr, die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“ –, ist ja gerade kein Eintrittsverbot gewesen, sondern eine Art Hausordnung. Eine Wahl stellte sich gemäß Dantes Weltverständnis für die nach dem Tod Verdammten nicht. Da haben wir es als Lebende angesichts der Weltverhältnisse besser. Aber ganz entziehen können wir uns ihren Zumutungen nicht. Und Literatur hält glücklicherweise die Mittel parat, uns Erfahrungen ohne unmittelbares Erleben zu verschaffen.

Das Unvergleichliche

Sie kann aber auch Menschen Erfahrungen andichten, die sie gar nicht machen mussten. Der englische Uhrmacher James Cox etwa ist nie nach China gereist, obwohl er eine Uhr anfertigte, die von der Ostindischen Kompanie 1766 dem Qianlong-Kaiser zum Geschenk gemacht wurde. Christoph Ransmayr lässt Cox (der bei ihm mit Vornamen Alister heißt) nun doch nach China fahren, sogar schon im Jahr 1753, weil derselbe Kaiser ein nie dagewesenes mechanisches Wunderwerk von dem berühmten Meister aus Europa gebaut bekommen soll: eine zeitlose Uhr – zeitlos insofern, als sie über alle Zeiten Bestand haben und funktionsfähig bleiben soll. Was der Engländer auf seiner Reise sieht, bewundert und bedauert, ist Gegenstand von Ransmayrs neuem Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“ (S. Fischer, Erscheinungstermin am 27. Oktober).

Das Einfühlungsvermögen des Autors in Menschen einer vergangenen Epoche und Sprachmacht wie -eleganz von „Cox“ lassen den Vergleich mit „Die letzte Welt“ zu, Ransmayrs 1988 erschienenem Erfolgsbuch, in dem er den römischen Dichter Ovid an dessen Verbannungsort am Schwarzen Meer nicht zum Gegenstand eines historischen Romans, sondern einer verkappten Gegenwartsstudie gemacht hatte, weil in dieser Figur das ganze Drama des Intellektuellen zum Ausdruck kam. Cox nun ist wieder so eine Figur, nur dass diesmal kein Denker, sondern ein Macher in Konfrontation mit dem Fremden porträtiert wird: ein Mecanicus in dem Sinne, dass sich in ihm Mensch und Uhrwerk zu verbinden scheinen, während der Kaiser ein Dichter auf dem Thron ist. Das Unvergleichliche, hier ist es gleich zweimal getan: einmal historisch belegt, das andere Mal brillant erfunden.

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