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Zukunft der Literaturbranche : Die Lust der Deutschen am Vorlesen

Lieber vorlesen: Autorin Ronja von Rönne in Klagenfurt Bild: dpa

Die Literaturbegeisterung ist ungebrochen, aber sie sucht sich neue Wege: Man liest nicht mehr, man lässt lesen. Die Buchmesse merkt das.

          Heute öffnet die Frankfurter Buchmesse ihre Pforten. Im vergangenen Jahr lockte sie in ihren fünf Tagen 278.000 Menschen an, das war etwas mehr als 2015 und genau im Rahmen des Durchschnittes aus dem vergangenen Jahrzehnt. Damit ist die Messe nicht von jenem schleichenden und nur noch mühsam zu kaschierenden Umsatzrückgang betroffen, der den Buchhandel seit Jahren besorgt stimmt. Zumal er gerade jetzt, im August 2017, mit drei Prozent Umsatzrückgang gegenüber dem Vorjahresmonat nicht mehr schleichend genannt werden kann. Die Einbußen galoppieren. Etliche Verlagsleute hatten das schon im Frühjahr festgestellt und sprachen auf der Leipziger Buchmesse vom seit langem schlechtesten ersten Quartal ihrer Branche.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Gleichzeitig aber ist die Begeisterung des Publikums für Literatur ungebrochen – siehe die Besucherzahlen der großen Festivals im Lande wie der unangefochten führenden Lit.Cologne, die sich in diesen Tagen gerade um die neue Lit.Ruhr erweitert hat, oder auch von Harbour Front in Hamburg, dem Internationalen Literaturfestival in Berlin oder dem Literaturfest München. Oder eben der Buchmessen von Frankfurt und mehr noch von Leipzig. Die dortige Veranstaltung fährt seit Jahren immer neue Rekorde ein, so zuletzt in ihren nur vier Tagen 205.000 Menschen auf dem Messegelände und noch einmal 80.000 mehr beim Lesefest in der Innenstadt.

          Aber ist das auch noch ein Lesepublikum? Nein, es ist eines, das vorgelesen bekommen möchte, um sich belesen zu fühlen. Literatur im Häppchenformat also: eine oder anderthalb Stunden (auf den Messen auch mal nur zwanzig Minuten) Lesung statt der viel aufwendigeren Komplettlektüre eines Buches. Das entspricht dem überall knapper werdenden Zeitbudget und dem Trend zu schnellerer Information, den wir der Digitalisierung verdanken. Und der kommunikativeren Ausrichtung der Gesellschaft, die sich lieber gemeinsam vorlesen lässt, als in konzentrierter Einsamkeit über einem Buch zu sitzen.

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          Für die Autoren ist diese Entwicklung Fluch und Segen zugleich. Einerseits sinken die Absatzzahlen, denn Bücher sind in den vergangenen Jahren teurer geworden; hinter dem geringeren Umsatz, mag er auch nur sanft gesunken sein, steckt also ein dramatischer Rückgang der Zahl der verkauften Titel. Andererseits hat das gewachsene Interesse an Lesungen den Autoren eine neue Einnahmequelle beschert. Die Begeisterung des deutschen Publikums für solche Veranstaltungen gilt aus internationaler Sicht eh als Wunder, und die entsprechenden Honorare sind nach Auskunft von Veranstaltern in den letzten zehn Jahren im Schnitt um rund das Dreifache gestiegen. Kaum ein beliebter Schriftsteller ist noch für unter 600 Euro pro Abend zu bekommen, nationale Bestseller-Autorinnen wie aktuell etwa Ulla Hahn kosten mehr als doppelt so viel, und internationale Stars wie Cees Nooteboom liegen noch einmal deutlich höher. Mit solchen Einkünften aus Auftritten können Autoren die Einbußen bei den Verkäufen mehr als nur kompensieren, zumal wenn sie ausgiebige Lesereisen unternehmen wie der deutsche Schriftsteller Feridun Zaimoglu in diesem Jahr mit seinem zum Reformationsjubiläum perfekt passenden Luther-Roman „Evangelio“.

          Solches Themenwahlgeschick oder publikumswirksame Prominenz besitzen indes nur wenige Autoren. Die lesen dann, damit die Veranstalter das hohe Antrittsgeld überhaupt einspielen können, in großen Theater- oder Konzertsälen, so wie zum Beispiel heute Abend Marc-Uwe Kling aus seinem neuen Roman „Qualityland“ in der seit Wochen ausverkauften Alten Oper in Frankfurt: 2500 Zuhörer bei Eintrittspreisen von jeweils mehr als zwanzig Euro. Populäre Autoren kommen aber kaum noch in die einzelnen Buchhandlungen, in denen das deutsche Lesungswunder ehedem seinen Ausgang nahm. Es sind öffentlich bezuschusste Literaturhäuser oder für Sponsoren attraktive Festivals, die sich heute jene Auftritte leisten können, mit denen man noch Geld verdient. Eine Lesung mit nur ein paar Dutzend Besuchern kann selbst bei kleiner Autorengage nicht kostendeckend sein, zumal ja Anreise-, Organisations- und Werbekosten noch dazukommen.

          Und der Buchverkauf bei Lesungen ist zurückgegangen. Während der Buchhandel noch vor wenigen Jahren kalkulierte, dass rund ein Viertel der Zuhörer danach auch ein Buch des vorlesenden Autors kaufen und möglichst von ihm signieren lassen würde, ist diese Erwartung heute deutlich gesunken: Die übliche Kalkulation liegt mittlerweile eher bei einem Achtel. Denn die Lesung reicht ja den meisten, und so tut die Frankfurter Buchmesse durchaus gut daran, sich angesichts kontinuierlich abbröckelnder Ausstellerzahlen mehr auf die Befriedigung ihrer normalen Besucher zu kaprizieren. Mit dem Programm „Open Books“ trägt sie seit einigen Jahren nach Leipziger Vorbild die Messe in die Innenstadt und lässt dort abends vorlesen – kostenlos. Diese Programmteile sollen nach Willen der Messeleitung und der Stadt weiter ausgebaut werden. Wenn der Imagefaktor einer Buchmesse auf Zahlen gründet, sind Besucher noch die am leichtesten zu steigernde Größe, vor allem in Zeiten, in denen die Lese- der Vorleselust gewichen ist.

          Quelle: F.A.Z.

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