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Deutscher Buchpreis 2016 : Gute, weil gewagte Wahl

Da waren es nur noch sechs: Die Finalisten des Deutschen Buchpreises 2016 Bild: Verlage / F.A.Z.

Die sechs Finalisten im Rennen um den Deutschen Buchpreis 2016 stehen fest. Pikant dabei: Drei davon sind im klassischen Verständnis gar kein Roman.

          Da waren es nur noch sechs. Aber was heißt „nur“? Aus den zwanzig Titeln der vor vier Wochen verkündeten Longlist zum Deutschen Buchpreis 2016 sind zwar nahezu alle bekannten und bereits hochdekorierten Namen ausgesiebt worden (Ernst Wilhelm Händler, Katja Lange-Müller, Sybille Lewitscharoff, Arnold Stadler, Peter Stamm, Thomas von Steinaecker), doch das verbliebene halbe Dutzend ist tatsächlich so etwas wie die Essenz dieses Bücherjahrs, wenn man bereit ist, die bereits zuvor in der Auswahl fehlenden Bücher zu verschmerzen: Christian Krachts „Die Toten“ etwa oder Guntram Vespers „Frohburg“, die beide von der Jury missachtet wurden, und Martin Mosebachs „Mogador“, der auf Wunsch des Autors nicht berücksichtigt wurde.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          So bleiben zum Finale in noch einmal vier Wochen nunmehr Reinhard Kaiser-Mühleckers „Fremde Seele, dunkler Wald“, Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“, André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“, Thomas Melles „Die Welt im Rücken“, Eva Schmidts „Ein langes Jahr“ und Philipp Winklers „Hool“.

          Aus der Leichtigkeit eine Stärke gemacht

          Dass Winklers Debütroman (erschienen im Aufbau Verlag) ins Finale einzieht, ist die schönste Überraschung. Der 1986 geborene Autor hat das konsequent subjektiv gehaltene Porträt eines jungen Hooligans höchst trickreich konstruiert, was unter der buchstäblichen Wucht des Geschehens zunächst nicht auffällt. Doch wie Winkler die Vergangenheit seines Protagonisten und dessen kleiner Freundes- und Schlägerclique rekonstruiert, das ist beeindruckend – und stilistisch so etwas wie das Gegenstück zu Kaiser-Mühleckers geradezu klassisch formuliertem Dorfroman (S. Fischer), der sich aber fernab aller gängigen Klischees bewegt. Der erst dreiunddreißigjährige Kritikerliebling hat nun erstmals die Chance, auch das ganz große Publikum zu erreichen.

          Bei André Kubiczek ist es umgekehrt. Der 1969 geborene Autor hatte es bislang bei den Kritikern schwerer, weil man seine meist autobiographisch grundierten Romane über das Leben in der späten DDR als zu leichte Kost abtat. Mit „Skizze eines Sommers“ (Rowohlt Berlin), einer Jugendschilderung aus den Parks im grenznahen Potsdam der achtziger Jahre, hat er just aus der Leichtigkeit eine Stärke gemacht.

          Ein natürlicher Favorit

          Die verbliebenen drei Bücher der Shortlist sind jene, über deren Berücksichtigung man nicht literarisch, aber formal streiten kann. Der Deutsche Buchpreis wird für den besten deutschsprachigen Roman verliehen. Eva Schmidts „Ein langes Jahr“ (Jung und Jung) ist aber eher Erzählungskranz, eine Sammlung phänomenologisch exakter Nachbarschaftsbeobachtungen der 1952 geborenen Österreicherin (die seit mehr als  zwanzig Jahren nichts mehr veröffentlicht hatte), obwohl dieser geschickt durch gemeinsame Protagonisten verbundene Reigen als Roman ausgewiesen ist. Doch Verlagskennzeichnung allein reicht als Kriterium nicht aus, sonst hätte Thomas Melles Buch „Die Welt im Rücken“ (Rowohlt Berlin), das einfach ganz auf eine Genrebezeichnung verzichtet, nicht berücksichtigt werden dürfen. Dass es sich um einen Erfahrungsbericht über das reale Leben des 1975 geborenen Melle im Zeichen einer Depression handelt, ist ebenso offensichtlich wie dessen sprachliche Macht und Beschreibungsgenauigkeit. Damit, dass sie Letzteres wichtiger nahm als Ersteres, hat die Jury Mut bewiesen, weicht aber auch die Kriterien des Preises auf. Bei David Wagners thematisch ähnlich gelagertem „Leben“ war das vor drei Jahren noch anders.

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