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Deutsche Akademie in Sarajevo : Blutstropfen am Rande Europas

Trügerische Winteridylle: Sarajevos Namen kennt jeder, über die Gegenwart der Stadt weiß kaum jemand etwas. Bild: EPA

Wir wissen gar nicht, wie groß die Angst in Bosnien-Herzegowina schon wieder ist: Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hält ihre Frühjahrstagung in Sarajevo ab.

          Am letzten Tag ging die Akademie durch’s Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war nasskalt, das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Von den Hängen des Trebević blickt man hinab auf die Stadt, sieht das prachtvolle alte Rathaus, von Österreich-Ungarn 1894 im neo-maurischen Stil erbaut, und unweit davon, winzig klein, spannt sich die berühmte Lateinerbrücke über die Miljacka, den Roten Fluss, an dessen Ufer Gavrilo Princip, ein neunzehnjähriger bosnisch-serbischer Nationalist, mit zwei Schüssen aus seiner Pistole eine Katastrophe ins Rollen brachte, die das österreichische Thronfolgerpaar und weitere siebzehn Millionen Menschen das Leben kostete und am Ende das alte Europa für immer unter sich begraben sollte. Friedlich sieht Sarajevo von hier oben aus, sanft in den Talkessel geschmiegt und ungeheuer verletzlich.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Bobbahn, die 1984 für die Olympischen Winterspiele gebaut wurde, liegt halb verfallen im Wald, das vergessene Spielzeug einer fernen Epoche. Ganz in der Nähe muss sich die Schachthöhle von Kazani befinden, in der man irgendwann die Leichen der Opfer eines der vielen Massaker gefunden hat, die im ganzen Land verübt wurden. Von den Ästen fällt in dicken Klumpen tauender Schnee mit leisem Krachen auf den Asphalt, jenseits der befestigten Wege sollen noch immer zahlreiche Landminen im Erdreich verborgen sein und wie schlafende Dämonen darauf warten, dass jemand so unvorsichtig ist, sie zu wecken. Seit 25 Jahren liegen sie dort, Relikte eines Krieges, von dem der bosnische Dichter Faruk Šehic drei Tage zuvor gesagt hatte, er könne in fünf Minuten wieder ausbrechen. Šehic, der 22 Jahre alt war, als er in den Krieg zog, der sein Leben prägen und ihn zum Schriftsteller machen sollte, ist bei weitem nicht der einzige, der so spricht. Weiß Europa eigentlich, wie groß die Angst in Bosnien-Herzegowina wieder geworden ist?

          Pulverfass des Balkans

          Schon seit einigen Jahren hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die ihre Frühjahrstagung meistens im Ausland abhält, Europa auf ihre Agenda gesetzt. Man war in Budapest und Tartu, in London und Sankt Petersburg, in Polen und der Ukraine. Die Akademie hat sich immer weiter geöffnet, und im Laufe der Zeit ist ein kleines europäisches Netzwerk entstanden, das Schriftsteller und Wissenschaftler, aber auch Institutionen miteinander verbindet. Jetzt ist man nach Sarajevo gekommen, in eine Stadt, deren Namen jeder kennt, aber über deren Gegenwart, wie sich herausstellen wird, die meisten Gäste nur sehr wenig wissen. Einen besseren Ort, um über Europas Vermächtnis, seine Werte, seine Versäumnisse und seine Zukunft zu diskutieren, hätte die Akademie nicht finden können. Sarajevo, das ist ein Pulverfass im Herzen des Balkans und ein Blutstropfen am Rande Europas.

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