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Veröffentlicht: 12.11.2013, 13:59 Uhr

Datenschutz in Bibliotheken Sie nennen es Service, dabei ist es Torheit

Was ist aus den Bollwerken europäischer Bildung geworden? Bibliotheken strecken vor den IT-Konzernen die Waffen und geben Leserdaten massenhaft weiter. Eine gefährliche Anbiederung.

von Roland Reuß
© Frank Röth Was sie wohl denken mögen? Für Google und andere IT-Konzerne ist das Leseverhalten der Menschen besonders interessant. So wie hier von Studenten im Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig

Seit den Enthüllungen über die Rolle, die die global agierenden IT-Konzerne (Google, Microsoft, Facebook, Apple, Twitter, Amazon) bei der erzwungenen, aber finanziell dann abgegoltenen Zuarbeit für ebenso globale Spitzelsysteme spielen, wissen wir folgendes: dass die Beziehungen von Personen und deren Bewegungen im Raum durch die Auswertung von Metadaten analysiert und durch algorithmische Abschätzungen hinsichtlich ihrer Gefährlichkeit eingestuft werden. Das ist gesellschaftlicher Sprengstoff, nicht nur wegen der Preisgabe der Grenze von privat und öffentlich. Die keiner demokratischen Überwachung zugängliche Verwendungsmöglichkeit der Daten erzeugt ein hohes Maß potentieller Erpressbarkeit (vom Minister über den Abgeordneten bis hin zum Beamten im Einwohnermeldeamt), das eine demokratische Gesellschaft nicht hinnehmen kann.

Ein nicht minder inakzeptabler, in der aktuellen Diskussion etwas untergehender Aspekt der ganzen Affäre ist aber, dass die vollständige Kompromittierung des Netzes in jedem seiner Knoten auch gefährlich in das Selbstverhältnis der Individuen eingreift. Wenn es zutrifft, wie Platon im „Sophistes“ schreibt, dass Denken das Gespräch der Seele mit sich selbst ist, dann sind Beobachtungen darüber, welche Ansatzpunkte solches Denken haben kann, für professionelle Profilbildner in der Grauzone von staatlicher Macht und Korporationsmacht von herausragender Bedeutung. Das betrifft in erster Linie die Frage, was Menschen lesen. Damit rücken jene Institutionen und die an ihnen beschäftigten Personen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die über das Lektüreverhalten von Menschen Daten erheben und, bei politischem oder sonstigem Druck, preisgeben könnten.

Einer prophetischen Mahnung gleichend

In Amerika ist schon früh das Bewusstsein für die Problematik dieses Zusammenhangs geweckt worden. 1953 wurde im Verfahren United States versus Rumely vom Supreme Court ein Urteil gefällt, in dessen Begründung die drohende Gefahr unvergleichlich klar auf den Punkt gebracht wurde. Edward Rumely, ein ehemaliger Student der Universitäten Heidelberg und Freiburg, war als Sekretär des Committee for Constitutional Government (einer konservativen, gegen „den Kommunismus“, aber auch gegen Roosevelts Politik gerichteten Interessengruppe, die Bücher und Pamphlete publizierte) vor einen Untersuchungsausschuss des Kongresses geladen und zur Preisgabe der Namensliste jener Personen aufgefordert worden, die bei ihm Bücher gekauft hatten. Er hatte die Herausgabe unter Hinweis auf den ersten Verfassungszusatz, der die Meinungs- und Pressefreiheit schützt, verweigert und war erstinstanzlich wegen Behinderung der Ausschussarbeit verurteilt worden.

Der Supreme Court sprach ihn letztinstanzlich frei. Dabei formulierte der Richter William O. Douglas in der Urteilsbegründung Sätze, die von heute aus wie eine prophetische Mahnung klingen: „Wenn erst einmal die Regierung von einem Verleger die Namen der Käufer seiner Publikationen verlangen kann, wird die freie Presse, wie wir sie kennen, verschwinden. Dann wird das Gespenst eines Regierungsbeauftragten über die Schulter von jedem schauen, der liest. Der Kauf eines Buchs oder einer Streitschrift heute kann morgen zu einer Vorladung führen. Furcht vor Repressalien geht mit jeder Person an den Bücherstand. Die subtilen, unwägbaren Druckmittel des Orthodoxen greifen. Einige werden sich davor fürchten, etwas zu lesen, was nicht gängig ist, was die Machthaber nicht gerne sehen. Wenn jeder Student, jeder Lehrer überwacht wird, wird die freie Forschung entmutigt.“

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